Da staunte mancher nicht schlecht: Die Aktivisten der I-Vote-Kampagne hatten am Abend der ersten Wahl in Birma seit 20 Jahren einen beeindruckenden Hightech-Livestream aufgezogen. Um möglichst viele Menschen unverzüglich über das zu informieren, was sie von Unterstützern aus dem ganzen Land als Nachrichten zusammentragen konnten. Sechs Computer hatten sie angeschlossen, ständig klingelte ein Handy, ein Vertrauensmann meldete das nächste Ergebnis – und schon eine Minute später konnten man das Ergebnis online auf dem eigenen Bildschirm und für alle im I-Vote-Büro via Beamer an der Wand quasi in Echtzeit sehen. Mit Elan bejubelten sie hier jedes Ergebnis, wenn ein Kandidat der oppositionellen Nationalen Demokratischen Kraft (NDF) ein Wahllokal gewann. Die NDF hatte sich als Splitterpartei aus der früheren Partei von Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi gebildet.

Als es spät am Abend jedoch zur Gewissheit zu werden schien, dass die NDF-Kandidatin den Bürgermeister von Rangun in ihrem Bezirk mit nur ein paar wenigen Stimmen Differenz nicht schlagen konnte, ging der Enthusiasmus erst einmal in den Keller. Dass der verhasste Bürgermeister von der Partei der Generäle den Sieg davongetragen haben soll, wollten die meisten nicht glauben. Auf eine Neuauszählung aber will man auch nicht wirklich hoffen. Nachrichten, die am Montag durchsickerten, waren alles andere als ermutigend.

In einigen Bezirken, wo nach Meldungen von Beobachtern an Ort und Stelle, acht von zehn Lokalen an die NDF gingen, tauchte nach ersten Angaben wundersamer Weise bei der Zusammenzählung ein Sieg für die Junta-Chargen der USDP-Partei auf. Und so hatten erwartungsgemäß auch mehrere Ex-Generäle für die USDP ihre Mandate gewonnen.

Trotz all der absehbaren Probleme hatten viele junge Leute der Auszählung entgegengefiebert. Sie wollten die Hoffnung nicht zu früh aufgeben. Aung Maw durfte als Beobachter zu einer Auszählung: "Ich war drin!", ruft der 20-jährige Student seinen Freunden am Abend zu. "Für mich ist das dreifach historisch", lacht er voller Überschwang. "Es sind die ersten Wahlen seit 20 Jahren, ich habe meine Stimme zum ersten Mal abgegeben und ich war als Beobachter in einem Wahllokal", strahlt der junge Mann mit den Locken, dessen wahrer Name hier nicht genannt wird.

Und um seine Freude komplett zu machen, hat in dem Lokal der NDF-Kandidat gewonnen. Ganz ohne Probleme kam Aung Maw allerdings nicht in die Zählrunde. Die Wahlleute wollten ihn abweisen. "Ich habe mit ihnen argumentiert, ihnen gesagt, dass das Gesetz mir das Recht gibt. Schließlich haben sie mich rein gelassen." Er war der Zehnte, der sich meldete. Und mindestens zehn Beobachter sollten es jeweils sein, argumentierte er und hatte den Eindruck, dass es bei der Auszählung ordentlich zuging. Anders als in anderen Wahllokalen hat es nach den Worten von Aung Maw dort auch keine Probleme mit vorher abgegebenen Stimmen gegeben. "Da gab es nur ein paar, die fielen nicht ins Gewicht."

Eben die vorher abgegebenen Stimmen machen vielen Beobachtern Sorge, denn genau sie können das Einfallstor für Manipulationen im Sinne der Partei der Generäle sein, wenn nach deren Ansicht zu viele NDF-Kandidaten ihre Bezirke gewinnen. Diese Stimmen mussten, Berichten von Einheimischen zufolge, oft im Angesicht von Junta-Vertretern abgegeben werden. Staatsangestellte und Militärangehörige berichteten hinter vorgehaltener Hand, dass sie zur Stimmabgabe für die USDP gezwungen worden seien. Manche Wahlurnen seien schon am frühen Morgen fast voll gewesen.