Mathias Enger zerrt am Allradhebel. Irgendwie muss sich der Zusatzantrieb seines Landcruiser doch wieder ausschalten lassen. Aber der Geländewagen steht zu schräg. Also geht das Grenzhopping erst einmal mit voller Kraft weiter. Der 54-Jährige liebt diese Touren durch Dickicht und Morast, irgendwo zwischen dem deutschen Rosow und dem polnischen Lubieszyn.

Grenzgänge sind Engers Leben. Und so kann es kaum verwundern, dass der Pfeifenraucher mit der randlosen Brille und dem Rauschebart der erste Deutsche seit dem Zweiten Weltkrieg ist, der im ehemals preußischen und seit 1945 polnischen Stettin für den Stadtrat kandidiert.

Bei den Kommunalwahlen am kommenden Sonntag tritt Enger für die unabhängige Wählergemeinschaft Wach auf, Stettin an. Als in der Stadt ansässiger EU-Bürger darf er das. "Mir geht es nicht um Macht", erklärt er und stellt den Wagen an zwei Grenzpfählen ab. Sie sind in den Nationalfarben der beiden Länder gestrichen. Das polnische Rot-Weiß leuchtet frisch, das deutsche Schwarz-Rot-Gold ist ausgeblichen. "Mir geht es darum", fährt Enger fort, "ein Zeichen für mehr Internationalität in meiner Heimatstadt zu setzen".

Heimatstadt? Bei Enger mischen sich die Nationalfarben. "Ja", sagt er. "Ich bin zwar am Niederrhein geboren, tief im Westen! Aber ich lebe seit einem Vierteljahrhundert im Osten. Ich bin in Stettin zu Hause." Dann tippt Enger auf den schwarz-rot-goldenen Pfosten und liest eine eingeritzte polnische Kritzelei vor: " Podolski jest nasz ! ", steht dort – "Podolski gehört uns!"

Viele Polen wurmt es noch immer, dass der im schlesischen Gliwice geborene Lukas Podolski nicht ihnen gehört, sondern für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt. Und dennoch: "Ein Pole als Deutscher, das geht", sagt Enger und fügt nach kurzem Nachdenken hinzu: "Aber ein Deutscher als Pole? Ich gehöre zu einer Kategorie Mensch, die es eigentlich gar nicht gibt."

So ganz stimmt das selbstverständlich nicht. Immerhin leben in Polen zwischen 150.000 und einer halben Million Menschen, die der deutschen Minderheit angehören. Exakte Zahlen über die Gruppe, die erst seit dem Ende des Kommunismus anerkannt ist, gibt es nicht. Seit 1991 sitzen Vertreter der Minderheit in zahlreichen Regionalparlamenten, insbesondere in Schlesien. Auch im Sejm, dem polnischen Parlament, macht ein Deutscher Politik. Ryszard Galla heißt er. "Aber das ist etwas anderes", sagt Enger. "Ich bin nicht hier geblieben, sondern hergekommen."

Ob es vergleichbare Fälle in anderen Regionen Polens gibt, kann Enger nicht mit Sicherheit sagen. "Ich weiß aber von niemandem." Und auch bei der Zentralen Wahlbehörde in Warschau zuckt man nur mit den Achseln. "Da müssten wir alle Kandidatenlisten durchsehen", sagt der Beamte und bittet um Nachsicht, dass er dafür so kurz vor dem Urnengang keine Zeit hat.