Die Selbstzerstörung Sarkozys schreitet fort. Nach den misslungenen Regionalwahlen im März hatte er angekündigt, mit einer neuen Regierungsmannschaft wieder Fahrt aufzunehmen. Von einer kleinen, schlagkräftigen Truppe war die Rede, von einem "Kampfkabinett", mit dem er in die Kampagne für seine Wiederwahl 2012 ziehen wolle. Im Juni dann ließ Nicolas Sarkozy verlauten, er bleibe Herr seines Kalenders und plane die Zäsur für den Herbst. Er beabsichtige einen tiefen Einschnitt, so drang es aus dem Élysée, der auch Auswirkungen auf die Machtverhältnisse im Präsidentenpalast, den Vorsitz der Regierungspartei UMP sowie auf den Fraktionsvorsitz der Parlamentsmehrheit haben sollte. Diese Ankündigung, die Sarkozys Souveränität bekräftigen sollte, war einer der schwersten taktischen Fehler seiner Amtszeit.

Zwei recht gaullistische Charakterzüge Sarkozys, die eigentliche beide gut in die Rolle des Präsidenten passen, hatten miteinander im Widerstreit gelegen. Zum einen liebt er es, alle Welt zu überraschen. Und zum anderen lässt er gerne Kandidaten gegeneinander antreten – das stachelt diese nicht nur an, sondern festigt zugleich seine Macht. Er dürfte es daher genossen haben, dass die Regierungsmitglieder ein gutes halbes Jahr lang miteinander wetteiferten, um ja in der Equipe verbleiben, vielleicht sogar einen Führungsposten einnehmen zu können.

Doch weil Sarkozy dieses Schauspiel viel zu lange aufführte, ging ihm jedes Überraschungsmoment verloren. Das interessierte Publikum hatte die Gelegenheit, alle Varianten durchzuspielen, ihr Für und Wider abzuwägen. Keine der möglichen Entscheidungen konnte mehr den Anschein der Originalität haben. Dem Präsidenten blieb nur noch der mäßig witzige Einfall, an einem Samstagabend den Premier zu entlassen und bis zur darauffolgenden Nominierung eine Nacht abzuwarten.

Der neue ist der alte. François Fillon war einst ein erbitterter Gegner Sarkozys, bis ihn die politischen Infights der französischen Rechten 2004 an dessen Seite führten. Im Präsidentschaftswahlkampf 2007 erwies Fillon sich als nützlich, und es war eine kluge Wahl, ihn zum Premierminister zu machen. Der Ausdauersportler ist so ziemlich in jeder Hinsicht das Gegenstück zu Sarkozy und fängt ein wenig von dem auf, was Sarkozy an Sympathiepunkten verlorengeht. Der Präsident ist hyperaktiv, der Premier dagegen stoisch. Sarkozy changiert, Fillon hält Kurs. Der eine ist ein blendender Verkäufer seiner Politik, der andere spricht einfache und klare Worte. Die haben Sarkozy freilich mehr als einmal erbost, etwa wenn Fillon sehr deutlich sagte, dass die Staatskasse leer und eine harte Haushaltssanierung nötig sei. Bei solchen und etlichen anderen Gelegenheiten hatte Sarkozy kein Problem damit, seinen Premier öffentlich zu desavouieren.

Der hielt das alles aus und erzeugte auch dadurch einen bemerkenswerten Kontrast zum leicht erregbaren Präsidenten. Fillon war einfach nicht aus der Ruhe zu bringen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Das mehrte seine Aura. Nicht Lakai des Präsidenten, sondern Diener der Republik, das wurde sein Image – bis dass er kürzlich offen aussprach, Sarkozy sei nicht sein Mentor, sondern ein Alliierter, dessen Reformpolitik er unterstütze. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass es ein Risiko für Sarkozy bedeutet hätte, Fillon zu verabschieden. Denn wer weiß, was der vor der Präsidentschaftswahl 2012 alles hätte anstellen können? Nicht, dass Fillon den Ehrgeiz mitbrächte, den ein Gegenkandidat zu Sarkozy vorweisen müsste. Aber sein Potenzial, dem jetzigen Primus der Rechten zu schaden,
hätte unangenehm werden können – unangenehmer als dasjenige von Jean-Louis Borloo, dem unterlegenen Rivalen Fillons.

Borloo wäre eine recht riskante Wette gewesen. Bis Samstag Umweltminister, als Staatsminister zugleich die Nummer zwei der Regierung, war er zwar wie Fillon durchaus angesehen im Publikum, zumal im städtischen und grün angehauchten, außerdem verkörpert er die sogenannte "zentristische" Strömung der Regierungsmehrheit, um deren Gunst die Sarkozysten buhlen müssen – aber Borloos Persönlichkeit brachte ein Risiko mit sich. Der Millionärsanwalt ist ein Quereinsteiger in die Politik und jemand, der anders als Fillon nicht gerade als Inkarnation persönlicher Disziplin gilt. Bezeichnend, dass vor wenigen Wochen die banale Beobachtung, dass Haarpracht, Kleidung und Gang irgendwie straffer wirkten, überhaupt zum Thema wurde. Es kursierten Gerüchte, dass Borloo bereits seine Bürokartons bestellt und mit potenziellen Mitarbeitern im neuen Amt telefoniert hatte. Das kam in der Öffentlichkeit nicht gut an, und überhaupt stellte sich die Frage, ob man es ihr zumuten konnte, einem nichtpräsidentialen Präsidenten auch noch einen Premier beizufügen, der so gar nichts Premierministerielles an sich hat.