Haitis Hoffnungsträgerin spricht leise, aber bestimmt. "Die Menschen müssen endlich raus aus den Zeltlagern", sagt Mirlande Manigat. Wohl wissend, dass es mit jedem Tag immer schwieriger wird, die rund eine Million Obdachlosen aus ihren Behelfsunterkünften herauszubekommen.

Denn in den unzähligen Camps, die nach dem Erdbeben vom Januar errichtet wurden, haben die Menschen frisches Trinkwasser, medizinische Versorgung und ein den Umständen entsprechendes geregeltes Leben. Das ist nur eines der schier unlösbaren Probleme, die auf die 70-jährige Manigat warten, sollte die linksgerichtete Politikerin tatsächlich zur neuen Präsidenten der Karibikinsel gewählt werden. Einen wirklichen Neuanfang trauen die Menschen in Haiti aber auch der Gattin von Ex-Präsident Leslie Manigat nicht zu, dafür ist die ehemalige First Lady zu eng mit dem gescheiterten politischen System verbunden.

Im Chaos und Schutt versuchen sie, ein wenig Alltag zurückzuerobern. Eine Fotostrecke © Alexandra Endres

Nur eines steht vor dem mit Spannung erwarteten Urnengang fest. Haiti sehnt sich nach einer funktionierenden Regierung. De facto wird das Land von einem Mix aus internationalen Hilfsorganisationen, der UN-Mission Minustah und kläglichen Resten der Verwaltung des derzeitigen Präsidenten René Préval regiert, der nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten darf.

Irgendwie rettete sich dieser politische Flickenteppich bis in den November hinüber. Am kommenden Sonntag, trotz der Cholera-Epidemie, an der bereits mehr als 1500 Menschen starben, und die nach Berechnungen der Weltgesundheitsbehörde noch bis zu 400.000 Menschen infizieren könnte.

Das ganze Land ist von Wahlplakaten übersät: Keine Wand, keine Mauer und keine eingestürzte Ruine, auf der nicht die Bilder der fast zwei Dutzend Kandidaten kleben. Bisweilen sind absurde Plakate zu sehen: Sie zeigen junge haitianische Familien, die unmittelbar vor dem Einzug in ein schmuckes Einfamilienhaus stehen – ein Hohn angesichts des stockenden Wiederaufbaus.

Drei Kandidaten ragen durch besondere Präsenz heraus: Mirlande Manigat, die laut Wahlumfragen mit zurzeit 36 Prozent gute Chancen hat, Haitis erste Präsidentin zu werden. Dahinter folgt Jude Célestin (20 Prozent) von der Regierungspartei, der das ganze Land mit der wohl teuersten wie massivsten Wahlkampagne überzogen hat. Viele Experten warten außerdem gespannt auf das Abschneiden des vor allem bei der Jugend populären Sängers Michel Martelly alias "Sweet Micky". Keiner der Kandidaten wird wohl auf Anhieb die erforderliche 50-Prozent-Hürde nehmen, am 16. Januar soll die Stichwahl stattfinden.