Monatelang herrschte Stillstand, nun haben sich die Spitzenpolitiker aller großen irakischen Parteien versammelt, um über die Bildung einer neuen Regierung zu verhandeln. Das Treffen im nordirakischen Erbil soll drei Tage andauern. Ob es den zerstrittenen Politikern aber gelingen wird, sich am Ende auf eine Machtteilung zu einigen, ist unklar.

Ursache für den Streit ist eine Pattsituation zwischen dem Lager des amtierenden Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki und dem seines Vorgängers sowie Rivalen Ijad Allawi. Dessen sunnitisch-schiitisches Wahlbündnis Irakija hatte bei der Parlamentswahl am 7. März zwar die meisten Mandate errungen. Keiner der Parteien konnte aber die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen. Und so erheben nun sowohl der schiitische Regierungschef als auch sein ebenfalls schiitischer Herausforderer Anspruch auf die Führung des Landes.

Am Wochenende hatte sich Malikis Rechtsstaatsallianz mit den kurdischen Parteien bereits auf einen Kompromiss geeinigt, wonach er sein Amt behalten soll. Der Kurde Dschalal Talabani soll weiterhin als Staatschef amtieren, Irakija künftig den Parlamentspräsidenten stellen. Ob das mehrheitlich von Sunniten unterstützte Wahlbündnis den Verzicht auf den Posten des Regierungschefs akzeptiert, galt aber als unsicher.

Allawi beanspruchte denn auch eine "gleichberechtigte" Position in der neuen Regierung. "Wir müssen schnell eine neue Regierung formen, die das Ergebnis der Wahlen widerspiegelt", sagte er. Maliki, der mit verbündeten Parteien eine Mehrheit der Abgeordneten hinter sich weiß, erteilte unterdessen Forderungen aus dem Allawi-Lager nach einer Verfassungsreform eine Absage. Das Festhalten an der bisherigen Verfassung sei eine "unerlässlich Bedingung" für eine Zusammenarbeit.

Angesichts der Meinungsverschiedenheiten äußerten sich Teilnehmer der Konferenz zurückhaltend zu den Erfolgschancen des Treffens, das am Dienstag in Bagdad fortgesetzt werden soll. Der sunnitische Vize-Staatschef Tarek el Haschemi sagte, zentrale Fragen seien weiter nicht gelöst: "Dafür wird es noch Zeit brauchen." Bereits am Donnerstag soll das irakische Parlament aber zusammenkommen, um einen neuen Parlamentspräsidenten zu wählen – und damit den gesamten Kompromiss bestätigen.

Überschattet wurde das Treffen, zu dem der Präsident des kurdischen Autonomiegebietes, Massud Barsani, geladen hatte, von neuem Terror . In den zentralirakischen Städten Kerbala und Nadschaf töteten Terroristen 17 schiitische Pilger. 52 Menschen wurden verletzt. Beobachter vermuten ein koordiniertes Vorgehen der Terroristen, da in beiden Fällen der Sprengsatz neben einem Pilgerbus detonierte.

Kerbala und Nadschaf gehören zu den wichtigsten Wallfahrtsorten der schiitischen Muslime weltweit. In der vergangenen Woche hatten Terroristen in Bagdad Bomben in mehreren Schiiten-Vierteln gezündet. Zu der Bombenserie hatte sich später das sunnitische Terrornetz al-Qaida im Irak bekannt. In einem Bekennerschreiben wurden weitere Anschläge auf Schiiten angekündigt.