Es ist die wohl gefährlichste Krisensituation seit dem Ende des Koreakrieges 1953: Nordkorea hat mindestens 200 Granaten auf die grenznahe südkoreanische Insel Yeonpyeong im Gelben Meer gefeuert . Zwei südkoreanische Soldaten starben, mehrere wurden verletzt, zahlreiche Häuser gerieten in Brand. Unmittelbarer Auslöser für den nordkoreanischen Beschuss dürfte ein Manöver Südkoreas vor der Westküste gewesen sein. Dabei seien laut einem südkoreanischen Militärvertreter Dutzende Geschosse getestet worden, diese hätte man jedoch in Richtung Westen und nicht in Richtung Norden abgefeuert. Pjöngjang soll mehrere Protestnoten gegen die Übung der Kriegsmarine an Seoul geschickt haben.

Das südkoreanische Manöver begann am Montag, nur drei Kilometer von der Seegrenze zum Norden entfernt. Diese sogenannte Northern Limit Line ist umstritten zwischen den beiden Staaten, die offiziell immer noch im Kriegszustand sind. Sie wurde nach dem Ende des Koreakrieges 1953 von den UN festgelegt, da es keinen Friedensvertrag gab. Allerdings hat Nordkorea die Grenze nie akzeptiert. Mit dem Beschuss Yeonpyeongs erhofft sich das Regime möglicherweise, seine Position für spätere Verhandlungen um einen Friedensvertrag zu stärken.

Bereits mehrmals war die Region um die Yeonpyeong-Inseln Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südkorea gewesen. Zuletzt drang hier vor genau einem Jahr ein Patrouillenboot der kommunistischen Volksarmee in den Süden vor. Daraufhin kam es zu einem Feuergefecht mit einem südkoreanischen Kriegsschiff. Der Vorfall ereignete sich nicht zufällig: Er fiel genau in jene Woche, in der US-Präsident Obama eine große Asienreise nach Südkorea und China begann. Auch 1999 und 2002 gab es hier Scharmützel.

Droht ein größeres Kriegsszenario?

Die Ausgangslage von 1953 hat zu einer dauerhaft gespannten Nachbarschaft zwischen der Diktatur im Norden und dem inzwischen demokratischen Südkorea geführt. Im Süden lebt man in ständiger Sorge vor militärischen Konflikten mit dem international isolierten Paria-Staat. Nur 40 Kilometer sind die Außenbezirke der dynamischen Wirtschaftsmetropole Seoul von der Grenze zum Norden entfernt.

Mehr als eine Million Soldaten stehen für Pjöngjang im Sold, die meisten stationiert im Grenzgebiet zum Süden. Die Armee ist viel zu groß für das völlig verarmte Land mit seinen 24 Millionen Einwohnern, die militärische Ausrüstung ist nur zum Teil modernisiert. Auf der anderen Seite unterhält Südkorea 670.000 Soldaten, vor allem aber: Hinter Seoul steht die Militärgroßmacht USA mit der United States Forces Korea , die über 40.000 Soldaten im Land stationiert hat.

Nordkoreas Kalkül in der jüngsten Auseinandersetzung ist einfach: Man weiß, dass die Anrainer einschließlich Südkorea mit dem Status Quo zufrieden sind, und rechnet daher fest damit, dass Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung Bak keinen größeren Gegenschlag befiehlt. Auch die relevanten Großmächte in der Region – China, die USA und Japan – wollen keine Eskalation, auch wenn Peking in den vergangenen Monaten mit verschärfter Rhetorik Ansprüche auf Territorien im Chinesischen Meer formuliert hat und gegen die Anwesenheit des US-Militärs dort wettert. Ein Kollaps Nordkoreas würde zu unkontrollierbaren Flüchtlingsströmen führen, zudem lagern Atom- und Chemiewaffen im Land.