Besser hätte es für Nordkoreas Strategen gar nicht laufen können. Großzügig hatten sie Atomphysiker der Universität Stanford eine bislang unbekannte Anlage zur Urananreicherung besichtigen lassen. Der Bericht von Delegationsleiter Siegfried S. Hecker über die Anlage erschien in der New York Times und beim Institute for Science and International Security am vergangenen Sonntag – genau jenem Tag, an dem der US-Gesandte Stephen Bosworth in Südkorea eintraf.

Bosworth soll Nordkorea davon abbringen, sein Atomprogramm fortzuführen. Nach der Station in Seoul wird er weiter nach Tokyo und Peking reisen. Angedacht war, die Sechs-Parteien-Gespräche wieder aufzunehmen, zu denen neben den USA und China auch Japan, Südkorea, Russland und eben Nordkorea gehören. Washington und Seoul wollten als Bedingung für die Wiederaufnahme erneut ein klares Signal Nordkoreas, seine nuklearen Ambitionen zu lassen. US-Präsident Barack Obama sagte vergangene Woche in Seoul, der Norden müsse "die Aufrichtigkeit seines Anliegens" unter Beweis stellen.

Daraus wird auch dieses Mal nichts. Der Besichtigungstermin für den Atomforscher Hecker war einmal mehr eine Drohung Pjöngjangs. Diesmal nicht mit martialischen Sprüchen von Diktator Kim Jong Il und seinen Generälen. Auch nicht mit der Zündung von nuklearem Material, sondern mit einem potentiellen Herstellungsverfahren. Das Muster indes ist dasselbe wie immer: Kim will die Latte hochlegen für die Gespräche der Sechs.

Die Runde gibt Nordkorea die Möglichkeit, Hilfsgüter für das verarmte Land gegen vage Ankündigungen über die Einstellung des Atomprogramms zu ergattern. Allerdings hat Kim Jong Il seine Versprechen bislang noch immer gebrochen, wie die neue Urananreicherungsanlage zeigt. Was Hecker und seine Kollegen dort gesehen haben, waren "Hunderte und Hunderte" Zentrifugen und einen "ultramodernen Kontrollraum". Entscheidend aber ist, dass die Anlage laut Hecker einfach umgebaut werden kann, um hochangereichertes Uran für Bomben herzustellen .

Die Angaben der Nordkoreaner, wonach die Anlage bereits niedrig angereichertes Uran produziere, durfte er nicht überprüfen. "Es gibt Gründe, sich zu fragen, ob das wahr ist", sagte Hecker der New York Times . Zudem bezweifelte er, dass Pjöngjang in der Lage sei, das Projekt fertigzustellen und dass es die Anlage ohne ausländische Hilfe gar nicht so schnell hätte errichten können. Wie immer weiß die internationale Gemeinschaft also gar nicht so genau, was die Anlage konkret zu leisten imstande ist. Aus Sicht des nordkoreanischen Regimes ist das ideal: Man vermittelt, ausreichend Wissen über Raketen- und Atomtechnik zu haben, und treibt damit den Preis für die Verhandlungen in die Höhe.

Dass Nordkorea ein Urananreicherungsprogramm plant, ist tatsächlich nicht neu. Bereits 1998 wurde bekannt, dass Pakistan komplette Zentrifugen gegen nordkoreanische Nodong-Mittelstreckenraketen mit 1000 bis maximal 1300 Kilometern Reichweite eingetauscht hat. Das Streben des kommunistischen Landes, Uran anzureichern, hätten die USA seit Jahren "beobachtet und analysiert", sagte Bosworth am Montag.

Was Heckers Bericht aber bedeutsam macht, ist die Tatsache, dass die Anlage sehr modern ist, und dass die Geheimdienste von ihrem Bau offenbar wenig mitbekommen haben. Gerätselt wird auch, wie das Baumaterial ins Land kam in Anbetracht der 2009 beschlossenen verschärften UN-Sanktionen, wonach unter anderem Fracht nach Nordkorea auf verbotene Lieferungen kontrolliert werden kann. Eine Vermutung ist, dass es auf dem Landweg geschmuggelt wurde – von Iran über Afghanistan oder Pakistan nach China und von dort nach Nordkorea.