Wenig Wahlkampf, viel Prügel und kaum echte Auswahl. Seit Anfang vergangener Woche ist in der Arabischen Republik Ägypten offiziell das Rennen um die neuen Parlamentsmandate eröffnet.

Dabei wird das Volk bereits am Sonntag zu den Urnen gerufen. Ausländische Beobachter sind unerwünscht, einen entsprechenden Appell von Hauptsponsor USA wischten die Mächtigen am Nil brüsk als "Einmischung in innere Angelegenheiten" beiseite. Und weder die regierende National Demokratische Partei (NDP) von Präsident Hosni Mubarak noch die Muslimbruderschaft als stärkste Oppositionskraft werden wohl noch ein Wahlprogramm präsentieren.

Wozu auch? Erlaubt sind nur zwölf Tage Wahlkampagne, von denen die erste Hälfte bereits als Festtagsurlaub verstrichen ist. Kairo war so ruhig wie selten, Hunderttausende hatten zu den Feiertagen des islamischen Opferfestes die Stadt verlassen. Und so bleibt allein diese eine Woche vor dem Wahltag für politischen Dialog mit den 80 Millionen Untertanen, die sowieso nur Zynismus übrig haben für die trickreichen Scharaden ihrer Mächtigen.

Bei den Oberhauswahlen im Sommer lag die Wahlbeteiligung offiziell bei 14 Prozent, in Wirklichkeit wohl eher bei zwei bis fünf Prozent – selbst für ägyptische Standards ziemlich niedrig. Auch jetzt beim Unterhaus rechnet das Kairoer Bürgerrechtsforum, dem 16 Organisationen angehören, mit geringer Beteiligung und manipulierten Ergebnissen.

Dabei ist das Aufgebot an Kandidaten auf den ersten Blick imposant. 5700 haben sich gemeldet, 5181 wurden schließlich von der Hohen Wahlkommission zugelassen. 508 Sitze stehen diesmal zur Abstimmung, mehr als jemals zuvor. Und erstmals gibt es eine echte Frauenquote: 64 Sitze im Plenum sind für Politikerinnen reserviert. Um die eingesessenen Männer allerdings nicht zu sehr aufzuscheuchen, fand man am Nil die weiche Quote als Lösung. Die 444 vorhandenen Parlamentssitze wurden einfach um die 64 Frauensitze auf 508 aufgestockt. Zehn Parlamentarier werden zusätzlich von Hosni Mubarak berufen.

Von den 24 Parteien der Opposition hat seine mit zwei Dritteln aller Mandate regierende National Demokratische Partei (NDP) auch diesmal nicht viel zu befürchten – mit Ausnahme der Muslimbruderschaft, die offiziell verboten ist und darum mit formal unabhängigen Kandidaten antritt. Vor vier Jahren errang sie über 20 Prozent der Sitze – ein Überraschungserfolg, den Mubaraks Regime diesmal um jeden Preis verhindern möchte. So ließ die Hohe Wahlkommission 28 Bewerber nicht zu.

Seit dem Frühjahr gibt es regelmäßig Verhaftungswellen, in letzter Zeit wurden über 600 Aktivisten festgenommen. Am Wochenende knüppelte die Polizei in zahlreichen Städten des Nildeltas Demonstranten der Muslimbrüder nieder. Dabei treten die innerlich zerstrittenen Islamisten diesmal nur in 134 der 508 Wahlbezirke mit eigenen Kandidaten an, vor vier Jahren waren es 150 von 444. Mehr als zehn bis zwölf Prozent der Abgeordneten werden sie mit diesem Arrangement wohl nicht erringen.  

Mubaraks Einheitspartei gefährlich werden dagegen könnte diesmal vor allem sie selbst. In etwa 300 der 508 Wahlkreise treten Kandidaten aus ihren Reihen gegeneinander an. "Eine NDP Bombe", nannte selbst die offizielle Regierungszeitung Al Ahram diese Entwicklung. Die anstehende Thronfolge für den langjährigen 82-jährigen Regierungschef Mubarak im nächsten Jahr macht erste deutliche Risse im politischen Staatsapparat sichtbar.

Der Machtkampf zwischen den jüngeren Wirtschaftsreformern und dem traditionellen Militär- und Geheimdienst-Establishment nimmt an Schärfe zu. Den ursprünglich für Anfang November geplanten NDP-Wahlparteitag ließ Mubarak vorsorglich auf Weihnachten verschieben. Sich offen streitende Delegierte, dieses Bild wollte man dem ägyptischen Publikum nicht bieten. "Diese Wahlen werden die schlimmsten. Wir werden Gewalt und Betrug erleben in einem sehr viel höheren Ausmaß als vor vier Jahren", urteilt Amr Al-Chobaki vom Al Ahram Zentrum für politische und strategische Studien , einem Think Tank in Kairo. "Politik wird gar keine Rolle spielen, sondern nur sehr viel Geld – zum Kauf von Stimmen."