Rund acht Jahre nach den Gräueltaten an Hunderten Zivilisten in Zentralafrika muss sich der frühere Vizepräsident der Demokratischen Republik Kongo, Jean-Pierre Bemba, nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) verantworten. Zum ersten Mal zieht das Weltstrafgericht in Den Haag damit einen Befehlshaber für Morde und Sexualverbrechen seiner Unterstellten zur Rechenschaft, an denen er nicht unmittelbar beteiligt war. Eine Verurteilung Bembas wäre "ein starkes Signal" an Kommandierende in militärischen Konflikten, dass sie für derartige Verbrechen ihrer Truppen bestraft werden, sagte Chefankläger Luis Moreno-Ocampo.

Bemba, der bis zu seiner Festnahme vor zwei Jahren als aussichtsreicher Kandidat bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Kongo galt, ist der bislang höchstrangige Angeklagte vor dem Internationalen Strafgerichtshof. Ihm werden in fünf umfangreichen Fällen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Begangen wurden sie zwischen Oktober 2002 und März 2003 in Kongos nördlichem Nachbarland, der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), durch Bembas Miliz Mouvement de Libération du Congo (MLC).

Die berüchtigte MLC war vom ZAR-Präsidenten Ange-Félix Patassé ins Land gerufen worden, um bei der Niederschlagung eines Aufstands seines Armeechefs François Bozizé zu helfen. Die Staatsanwaltschaft will zahlreiche Zeugen zu Wort kommen lassen, um die systematische Brutalität der MLC vor Augen zu führen.

Dazu gehört die Schilderung eines Mannes, wie er von Kämpfern der Bemba-Miliz vor den Augen seiner Familie stundenlang sexuell gequält wurde. Danach habe er zusehen müssen, wie sie seine Frau brutal vergewaltigten. "Und als sie mit meiner Frau fertig waren, kamen meine Kinder dran." Bemba habe "Vergewaltigungen gezielt als Waffe eingesetzt", sagte Vize-Staatsanwalt Fatou Bensouda im Vorverfahren. Das Gericht geht davon aus, dass rund 400 Menschen vergewaltigt wurden. Die Opfer der Übergriffe sollen zwischen acht und 70 Jahren alt gewesen sein.

Trotz eines derart grausamen Vorgehens konnte der Aufstand nicht niedergeschlagen werden. Bozizé forderte später als Präsident den IStGH auf, die Kriegsverbrechen in seinem Land zu ahnden. Bembas Anwälte wiesen jede Schuld ihres Mandaten für Verbrechen während des Machtkampfes in der ZAR zurück. Seine MLC-Miliz sei damals dem Präsidenten Patassé unterstellt gewesen. Demgegenüber will Moreno-Ocampo nachweisen, dass Bemba sehr wohl Kontrolle über seine Leute hatte, jedoch bewusst nichts unternahm, um sie zu stoppen.

Die Verteidigung hatte im Vorfeld auch erklärt, das Verfahren sei inszeniert worden, um Bemba für immer von der politischen Bühne Kongos verschwinden zu lassen. Der IStGH und die Regierung in Kinshasa wiesen das zurück. Bemba kontrollierte mit seiner MLC sowie zeitweise mit Unterstützung Ugandas zwischen 1998 und 2002 große Teile Kongos, des einstigen Zaire. Nach einem Friedensabkommen wurde er 2003 einer der vier Vizepräsidenten Kongos. Nachdem er 2006 die Wahl als Zweiter hinter Präsident Joseph Kabila verlor, ging er ins Exil. 2008 wurde er auf Verlangen des IStGH in Belgien verhaftet und an Den Haag ausgeliefert.

Menschenrechtsorganisationen begrüßten, dass der Prozess nach etlichen Verzögerungen in Gang gekommen ist. Erstmals werde vor dem IStGH, der vor acht Jahren die Arbeit aufnahm und inzwischen von 114 Staaten unterstützt wird, "auch der sexuellen Gewalt in der Beweisführung sehr große Bedeutung eingeräumt", sagte Brigid Inder von der Koalition für den Internationalen Strafgerichtshof. "Anführern von Streitkräften und Milizen wird klargemacht, dass sie auch dafür belangt werden können, dass sie Sexualverbrechen von Untergebenen nicht verhindern oder bestrafen."