Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin hat sich für die Schaffung einer Freihandelszone und eine gemeinsame Industriepolitik mit der Europäischen Union ausgesprochen. Vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  plädierte er in der Süddeutschen Zeitung für eine "harmonische Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok". Künftig "kämen eventuell auch eine Freihandelszone, gar noch fortgeschrittenere wirtschaftliche Integrationsformen infrage", schrieb Putin in seinem Gastbeitrag.

Sinnvoll seien strategische Allianzen von Unternehmen zum Beispiel im Schiffs-, Auto- und Flugzeugbau, bei Weltraumtechnologien, Medizin- und Pharmaindustrie, Atomkraft und Logistik. Man müsse überlegen, "wie wir eine neue Industrialisierungswoge über den europäischen Kontinent rollen lassen können", schrieb Putin.

Putin besucht Deutschland und wird sich am Freitag mit Merkel treffen. Versuche russischer Unternehmen, sich an EU-Unternehmen wie Opel zu beteiligen, waren bisher meist auf Widerstand gestoßen. Zudem sollte es keinen Visumzwang mehr geben, warb der Premier. Die Visafreiheit sollte nicht das Ende, sondern den Anfang einer echten Integration von Russland und der EU manifestieren, schrieb Putin.

Am Mittwoch hatten sich Russland und die Europäische Union in Brüssel über die Modalitäten eines Beitritts Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO) geeinigt. "Wir haben alle Fragen geklärt, es gibt kein Hindernis für den Beitritt zur WTO mehr", sagte Russlands stellvertretender Ministerpräsident Igor Schuwalow nach einem Gespräch mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton und EU-Handelskommissar Karel De Gucht. Die Unterhändler der EU und Russlands hätten ihre Gespräche über strittige Punkte wie Ausfuhrzölle und Eisenbahngebühren erfolgreich abgeschlossen.

In einer gemeinsamen Erklärung der Europäischen Union und Russlands hieß es, beide Seiten seien "zuversichtlich, dass die Einigung den Beitrittsprozess Russlands zur WTO sehr vereinfachen" werde. Die Aufnahme soll im kommenden Jahr Realität werden.

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder unterstützt Putins Vision von einer engeren Zusammenarbeit zwischen Russland und der EU. "Wir brauchen eine EU-Assoziierung Russlands mit einer Freihandelszone, gemeinsamen Infrastrukturprojekten, Visafreiheit und einer sicherheitspolitischen Kooperation", sagte er. Europapolitisch sei es schon immer seine Grundauffassung gewesen, Russland noch enger an europäische Strukturen zu binden müssen. Der SPD-Politiker ist Aufsichtsratchef des Konsortiums Nordstream, das für den Bau der Ostsee-Gaspipeline zuständig. Seit seinem Rückzug aus der Politik setzt er sich so wirtschaftliche Kooperationen zwischen Russland und Deutschland ein.

Russland ist die einzige große Wirtschaftsnation der Welt, die bisher nicht der Organisation angehört. Die EU drängte Moskau seit Langem zum Beitritt. Allerdings zeigte der Kreml bisher keine Eile, weil sich vor allem die großen russischen Energiekonzerne bessere Geschäfte versprechen, wenn Russland außen vor bleibt.