Verstimmung zwischen Moskau und Tokyo: Dmitrij Medwedjew hat als erster russischer Staatschef überhaupt eine Insel des südlichen Kurilen-Archipels besucht und damit einen alten Territorialstreit mit Japan neu angefacht. Das Außenministerium in Tokyo protestierte umgehend gegen die Visite und bestellte den russischen Botschafter ein. Premier Naoto Kan nannte den Besuch Medwedjews vor einem Parlamentsausschuss "äußerst bedauerlich". Er bekräftigte, die Inseln gehörten zu Japan. Der Besuch habe die Gefühle der japanischen Öffentlichkeit verletzt, sagte Außenminister Seji Maehara.

Der Konflikt reicht bereits Jahrzehnte zurück. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs beansprucht Japan mehrere Südinseln der Kurilen, einem Archipel, das sich zwischen der russischen Halbinsel Kamtschatka und der japanischen Präfektur Hokkaido erstreckt. Die Sowjetunion hatte die Inseln 1945 besetzt und anschließend zu eigenem Hoheitsgebiet erklärt. Japan hingegen bezeichnet die Inseln bis heute als nördliche Territorien.

Wegen des Konflikts haben Russland und Japan auch 65 Jahre nach Kriegsende noch keinen Friedensvertrag unterzeichnet. Zwar wurden die Verhandlungen um die Inseln nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wieder aufgenommen, bis heute fand sich jedoch keine Lösung. Wirtschaftlich ist die zwischen der russischen Halbinsel Kamtschatka und der japanischen Insel Hokkaido gelegene Gegend wegen Bodenschätzen und des Fischreichtums begehrt. 

Medienberichten zufolge landete Medwedjew mit seiner Präsidentenmaschine zu einem eintägigen Kurzbesuch auf dem Rückflug von Hanoi (Vietnam) auf der Insel Kunashiri, die etwa 16 Kilometer vor Hokkaido liegt. Dort habe er ein geothermisches Kraftwerk sowie eine Fischverarbeitungsfabrik besucht und angekündigt, in die weitere Entwicklung der Region zu investieren. Damit habe er unterstrichen, dass Moskau die Inseln als eigenes Territorium ansehe, hieß es. Tokyo hatte zuvor gewarnt, dass ein solcher Besuch den bilateralen Beziehungen schade.

Der Disput mit Russland erfolgt zu einer Zeit, da ein anderer Inselkonflikt auch Japans Verhältnis zu China belastet . Der Streit um die auf Japanisch Senkaku und auf Chinesisch Diaoyu genannten Inseln nordöstlich von Taiwan war im September neu aufgeflammt. Die japanische Küstenwache hatte ein chinesisches Fischerboot aufgebracht, wobei es zu einer Kollision gekommen war. Chinas Premier Wen Jiabao und der japanische Regierungschef Kan wollten sich auf dem Ostasien-Gipfel in Hanoi eigentlich aussprechen, doch sagte China das Treffen aus Ärger über Äußerungen des japanischen Außenministers kurzfristig ab. Schließlich tauschten die beiden sich lediglich für zehn Minuten aus.