Erst der prominente Reporter Oleg Kaschin, nun Anatoli Adamtschuk: Innerhalb weniger Tage ist es in Moskau zu brutalen Übergriffen auf Journalisten gekommen. Während Kaschin in der Nacht erneut operiert werden musste – er liegt momentan im künstlichen Koma – wurde Adamtschuk zeitgleich mit einem Schädeltrauma und einer Gehirnerschütterung in ein Krankenhaus eingeliefert.

Nach Angaben seines Kollegen Sergej Grammatin wurde dem Journalisten der Zeitung Schukowski Westi von zwei Unbekannten in einem Vorort von Moskau aufgelauert. Laut Polizeibericht hätten zwei Männer Adamtschuk bewusstlos geschlagen und ausgeraubt. Die Ermittler gehen offenbar nicht von einem politischen Hintergrund aus. Wie es in ihrem Report heißt, gehe auch der zum Tatzeitpunkt stark angetrunkene Reporter von einem spontanen Angriff aus.

Wie der Staat in Russland Journalisten einschüchtert: Alice Bota berichtet aus Moskau © Natalia Kolesnikova/ AFP/ Getty Images

Dies sehen seine Kollegen von der Schukowskije Westi anders. Sie vermuten einen Zusammenhang zwischen der Attacke und seiner journalistischen Arbeit. Ihr Mitarbeiter habe kritisch darüber berichtet, dass Behörden eine Kundgebung von Jugendlichen und Kindern zum Schutz eines Waldes in ihrem Ort mit Gewalt aufgelöst hätten, schreibt die Zeitung. Kurz vor dem Überfall habe er ein Interview mit einem Beamten der Stadtverwaltung aufgezeichnet. Die Aufnahme auf einer Speicherkarte sei verschwunden.

Wie der Radiosender Moskauer Echo berichtete, hatte Adamtschuk mehrere kritische Artikel über den Bau einer Autobahn zu einem Flughafen bei Moskau geschrieben, auf dem die bekannte Luftfahrtmesse Maks stattfindet. Für die Schnellstraße soll ein Wald teilweise abgeholzt werden.

Dies trifft auch auf Kaschin zu, der am vergangenen Samstag vor seinem Haus in Moskau mit Baseballschlägern überfallen wurde. So wie die Staatsanwaltschaft geht auch der Arbeitgeber von Kaschin, die Zeitung Kommersant , von einem Zusammenhang der Attacke mit dessen Arbeit aus, genauer zu dessen Berichterstattung über einen umstrittenen Autobahnbau durch den Chimki-Wald bei Moskau. In der Vergangenheit waren mehrere Gegner des Projekts zusammengeschlagen worden.

Im Verdacht steht auch die kremlnahe Jugendorganisation "Junge Garde", die Kaschin im August auf ihrer Internetseite als "Informations-Saboteur" beschimpft und mit "Bestrafung" bedroht hatte. Außerdem habe der Journalist wegen Einträgen in seinem Blog Streit mit dem Gouverneur der Region Pskow gehabt, schrieb Kommersant weiter.

In Russland werden jedes Jahr Dutzende Journalisten Opfer brutaler Überfälle. In einem eindringlichen Appell forderten russische Journalisten Präsident Dmitrij Medwedjew erneut zum Schutz der Medien auf. "Das Recht eines Reporters, seinen Verpflichtungen nachgehen zu können, ohne um sein Leben fürchten zu müssen, ist auch das Recht unserer Gesellschaft , zu sprechen und gehört zu werden", hieß es in einem offenen Brief, den Kommersant auf der Titelseite veröffentlichte. "Journalisten in Russland müssen endlich geschützt werden. Die Behörden sind direkt für die Sicherheit der Medien im Land verantwortlich."

Der Brief wurde zunächst von insgesamt 26 teils bekannten Journalisten und Herausgebern unterzeichnet. Nachträglich fügten Hunderte ihre Namen hinzu. Die Journalisten forderten die Behörden in ihrem Schreiben zur umfassenden Aufklärung der Attacke auf.

Dieser Brief zeigte offenbar Wirkung: Inzwischen forderte Medwedjew einen besseren Schutz für Reporter. Wegen der herausragenden gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit müssten
Journalisten besser geschützt werden als andere Berufe, sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. Dafür müsse der Staat Sorge tragen, betonte der Kremlchef bei einem Treffen mit Journalisten der Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta . Zugleich zeigte er sich überzeugt, dass der versuchte Mord an Kaschin aufgeklärt werde.