Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew hat vor einem Scheitern der jüngst vollzogenen Annäherung von Kreml und Nato gewarnt. Zentral sei dabei die Frage eines gemeinsam aufgebauten Raketenschilds . "Entweder wir einigen uns auf eine Raketenabwehr und schaffen einen wahren Mechanismus der Kooperation , oder, wenn wir kein konstruktives Abkommen finden, es wird eine neue Spirale des Wettrüstens geben", sagte Medwedjew in seiner Rede an die Nation. Im Fall eines Scheiterns der Raketenabwehr "müssen wir über die Stationierung neuer Streitkräfte entscheiden", sagte der Präsident in seiner jährlichen Ansprache vor den beiden Parlamentskammern.

Die Nato und Russland hatten auf dem Nato-Gipfel in Lissabon eine Zusammenarbeit beim Aufbau der Raketenabwehr vereinbart und damit ein neues Kapitel ihrer Beziehungen aufgeschlagen. Der geplante Raketenschild soll weite Teile Europas schützen.

An die EU appellierte Medwedjew erneut, die Visapflicht für Russen aufzuheben. Brüssel solle Moskau außerdem bei der seit langem geplanten Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO helfen.

Seinen Landsleuten versprach der russische Präsident, Schritte für eine Modernisierung der Wirtschaft und die Stabilisierung der Preise zu unternehmen. Künftig müsse mindestens die Hälfte der Ausgaben der Regierung in Reformprogramme fließen. Er sagte zu, die Inflationsrate innerhalb der kommenden drei Jahre auf unter fünf Prozent zu drücken. Es wird erwartet, dass die Rate in diesem Jahr rund neun Prozent erreicht.

Für dieses Jahr sagte der Präsident ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent voraus. Derzeit gebe es in Russland fünf Millionen Arbeitslose und damit zwei Millionen weniger als zum Höhepunkt der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2009. Er forderte den Westen auf, Russland auf seinem Modernisierungskurs zu unterstützen . Dazu gehörten der Austausch von Technologien und qualifizierten Wissenschaftlern, sagte er.

Einen Schwerpunkt legte der Kremlchef in seiner Rede auf die demografischen Probleme Russlands. Man werde in den kommenden 15 Jahren die niedrige Geburtenrate der neunziger Jahr zu spüren bekommen. "Das ist eine Herausforderung für unser ganzes Land." Er wies die Regierung an, Schritte zur Erhöhung der Geburtenrate zu ergreifen und Familien besser zu fördern. Familien mit drei oder mehr Kindern sollten ein kostenloses Grundstück erhalten sowie Steuererleichterungen von monatlich umgerechnet 70 Euro pro Kind.

Zudem sagte der russische Präsident der Korruption den Kampf an . Medwedjew warf den Strafverfolgungsbehörden Verbindungen zur Mafia vor und forderte höhere Strafen für Bestechung. Die Geldstrafen sollten hundertmal so hoch wie die Höhe des Schmiergeldes sein. Außerdem müsse die Vergabe von Staatsaufträgen geändert werden, um die Korruption einzudämmen.

Insgesamt zog Medwedjew eine positive Bilanz seiner drei Jahre im Amt des Staatschefs. Diese Zeit habe "Russlands Status als moderne Weltmacht bestätigt, die mittels Modernisierung Erfolge erzielt". "Wir müssen uns für das Land, das wir unseren Kindern und Enkeln übergeben, keineswegs schämen", sagte Medwedjew.

Kommentatoren sprachen dagegen von einer insgesamt blutleeren und schwachen Rede ohne Visionen. Traditionell ist die Ansprache vor etwa 1000 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur sowie vor Religionsvertretern ein Rundumschlag zu innen- und außenpolitischen Fragen sowie zur wirtschaftlichen Entwicklung.