Staatsaffären sind Fortsetzungsromane. In Frankreich spielen sich derzeit mehrere zugleich ab, und sie offenbaren allesamt, wie erbittert die Machtkämpfe in der Regierungsrechten geführt werden. Kaum dass Staatspräsident Nicolas Sarkozy meinte, sich mit dem Arbeitsminister Eric Woerth auch der gleichnamigen Affären entledigt haben, in denen es um Parteienfinanzierung und Interessenkonflikte ging, erhob eine andere wieder ihr Haupt. Sie heißt Karatschi-Gate.

Ihr Name rührt von der pakistanischen Metropole her, wo vor acht Jahren 14 Menschen einem Attentat zum Opfer fielen; unter ihnen waren elf Franzosen: Ingenieure und Techniker, die an U-Booten gearbeitet hatten, die Frankreich an Pakistan verkauft hatte.

Die Theorie, die Täter seien islamistische Terroristen gewesen, erwies sich als unfruchtbar . Widerlegt ist sie ebenso wenig, doch zwei französische Ermittlungsrichter verfolgen mittlerweile eine interessantere Spur. Die Auftraggeber könnten pakistanische Militärs gewesen sein, und zwar, um sich an Frankreichs Regierung zu rächen. Jacques Chirac, damals Präsident, hatte nach seiner Amtsübernahme 1995 angeordnet, Schmiergeldzahlungen (Kommissionen) zu stoppen, die damals an die Pakistanis flossen – eine bis 2000 legale Praxis.

Die Ermittlungen untersuchen auch eine These, nach der bis 1995 der damalige Premierminister Edouard Balladur, der mit Chirac um die Präsidentschaft konkurrierte, Mittelsmänner in die Schmiergeldzahlungen eingeschleust habe. Ihre Aufgabe sei es gewesen, einen Geldfluss von Islamabad nach Paris zu organisieren, um Balladurs Wahlkampagne zu finanzieren.

Dafür gibt es immerhin ein paar Anhaltspunkte. Und Nicolas Sarkozy war damals Balladurs Sprecher und einer der Kampagnenchefs. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Sarkozy dieses aus Tarngesellschaften und zwielichtigen Figuren gestrickte Finanzsystem abgesegnet, teils sogar selbst errichtet haben könnte. Aber eben nur Hinweise, keine Beweise. Belegt ist, dass in Balladurs Wahlkampfbüro kofferweise Geld angeschleppt wurde – nicht freilich, dass es sich um die sogenannten Retrokommissionen handelte.

Dieser Tage nun sickern neuerliche Dokumente sowie Informationen über die Aussagen von Beteiligten und Zeugen des U-Boot-Deals durch, die zu bestätigen scheinen, dass Sarkozy von den Schmiergeldzahlungen nach Pakistan zumindest gewusst hatte – und dass die Vertrauten Chiracs sich sehr sicher waren, es habe auch Rückflüsse gegeben. Frankreichs ehemaliger Präsident Giscard d'Estaing behauptet gar die Existenz einer Liste, in der die Zahlungsflüsse nach Frankreich verzeichnet gewesen seien.

Der böse Verdacht wird durch das Verhalten der Betroffenen nur erhärtet. Beteiligte von damals sowie die jetzige Regierung zögern mit der Herausgabe von Dokumenten, und Nicolas Sarkozy reagiert nicht etwa gelassen, sondern geradezu wie angestochen. Am vergangenen Freitag wollte er einen Journalisten, der ihn dazu befragte, dumm dastehen lassen und behandelte ihn in ironischer Absicht als "Pädophilen" – auch das, sagte Sarkozy, sei ja ein unbelegter Verdacht, der, einmal ausgesprochen, kleben bleibe. Von den Journalisten verabschiedete er sich sodann mit "bis morgen, meine pädophilen Freunde". So ist eben sein Humor, bissig, aggressiv, unelegant.

Beliebt macht Sarkozy sich mit solchen Entgleisungen bei den Franzosen nicht, sie wollen sich von ihrem Präsidenten doch repräsentiert sehen. Dass er beispielsweise auf einer Pressekonferenz sagte, bei dem Attentat gehe es nicht um eine Staatsaffäre sondern um "die Trauer der Familien und sone Dinger", das ist ihnen peinlich und kostet den Präsidenten Sympathiewerte.