Für keine andere Region der Welt halten die Wikileaks-Dokumente so viel Sprengstoff bereit wie für den Nahen und Mittleren Osten. Die Drahtberichte der US-Botschaften zeigen vor allem: Amerikanische Diplomaten und die auswählenden Wikileaks-Leute scheinen geradezu besessen von der iranischen Frage zu sein. Doch nicht Teheran ist der Hauptbetroffene der Veröffentlichung. Brandgefährlich sind die nun für jedermann zugänglichen Botschaftsdepeschen für Irans Nachbarn, die arabischen Golfstaaten.

Gleich welche Drahtberichte aus dem Osten man liest, aus Moskau und Baku, Ankara oder Abu Dhabi, ein großer Teil davon dreht sich um Iran und sein Atomprogramm. Ist die US-Außenpolitik wirklich so eindimensional? Selbst wenn man davon ausgeht, dass Wikileaks bei der Auswahl einen Schwerpunkt setzen wollte. Die Botschaftsdepeschen haben häufig sehr erwartbare Themen, sind teilweise unoriginell geschrieben. Man fragt sich, ob US-Diplomaten wirklich nicht mehr wissen als in diesen Berichten steht.

Beispiel Türkei: Die von George W. Bush eingesetzten Botschafter beargwöhnen die Öffnung Ankaras zur " islamistischen Welt " – eine neue Gegend auf dem Globus. Sie kopieren vieles aus türkischen Zeitungen, raunen von "Osmanismus" und "Israel-Hass", sprechen von der "Relativierung des westlichen Ankers". Der türkische Außenminister wolle volle Kraft zurück in die Vergangenheit. Man misstraut der Ambition der erstarkten Türkei. Alles sehr "gefährlich", lautet das alarmistische, schiefe Urteil.

In der Türkei füllte das am Dienstag die Titelseiten der Zeitungen, zumal Premier Tayyip Erdoğan in den Berichten nicht besser wegkam als sein Duz-Freund Berlusconi. In der arabischen Welt war das Echo verhaltener. Die großen arabischen Tageszeitungen brachten eher Meldungen als Titelgeschichten über Wikileaks. Man scheute die unangenehmen Wahrheiten. Die Zeitungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten konzentrierten sich vor allem auf die US-Depeschen zu Nordkorea.

Das liegt daran, dass die Zitate aus dem eigenen Land viel zu interessant waren: Kronprinz Mohammed bin Sayid al-Nahyan hatte sich freimütig über Irans Präsident Ahmadineschad geäußert. "Der Typ zieht uns in den Krieg", sagte Scheich Mohammed zu einem hochrangigen US-Militär und riet, zügig gegen diesen neuen "Hitler" vorzugehen . Der bahrainische König Hamad rief die Amerikaner dazu auf, das Nuklearprogramm zu stoppen .

Ein ähnlicher Appell des saudischen Königs ist auch vermerkt, aber nur zitiert aus dritter Hand. Der saudische Botschafter sagte es in Amerika, und ein US-Diplomat schrieb es auf. Das ist keine belastbare Quelle. Zudem sind die Depeschen durchaus widersprüchlich: Auch Warnungen vor einem Militärschlag sind zu lesen. Gleichwohl wird in Wikileaks überdeutlich, was man stets ahnte: Einige Herrscher am Golf befürworten einen Angriff auf Iran.