Im ersten Zivilprozess gegen einen Insassen des umstrittenen US-Gefängnisses in Guantánamo hat die Jury fast alle Anklagepunkte verworfen. Nach fünftägigen Beratungen befanden die Geschworenen den Tansanier Ahmed Khalfan Ghailani lediglich der "Verschwörung zur Zerstörung von US-Eigentum" schuldig.

Die anderen 285 Anklagepunkte gegen den 36-Jährigen, darunter "Verschwörung zur Ermordung von US-Bürgern", "Verschwörung zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen und Mord", wurden fallen gelassen. Das Strafmaß soll am 25. Januar verkündet werden. Der Staatsanwaltschaft zufolge wird es trotz der Entlastung in den meisten Punkten zwischen 20 Jahren Gefängnis und lebenslanger Haft betragen. Das US-Justizministerium zeigte sich zufrieden mit dem Urteil.

Die Staatsanwaltschaft hatte Ghailani als einen der Drahtzieher der Anschläge auf die US-Botschaften in Daressalam und Nairobi am 7. August 1998 bezeichnet. Damals waren 224 Menschen ums Leben gekommen und Tausende verletzt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm enge Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida zur Last gelegt. Ghailani soll den bei dem Attentat in Tansania eingesetzten Lastwagen und Sprengstoff gekauft haben. Die Verteidigung argumentierte dagegen, Ghailani habe nicht gewusst, was er kaufte. Er sei von al-Qaida vielmehr "hinters Licht geführt" worden.

Der Prozess hatte Mitte Oktober begonnen , die Geschworenen gaben ihr Urteil nun nach fünftägigen Beratungen bekannt. Das Verfahren galt auch als Testfall für die Politik von US-Präsident Barack Obama. Dieser will das Lager Guantánamo schließen und die Insassen gegebenenfalls vor US-Zivilgerichten aburteilen lassen. Bislang wurden sie vor spezielle Militärtribunale gestellt, wo die Angeklagten nur verminderte Rechte haben. Dass der Angeklagte nun von fast allen Vorwürfen freigesprochen wurde, dürfte die Kritik an Obamas Plänen weiter verstärken, insbesondere von Seiten der oppositionellen Republikaner.

Der republikanische Senator Lindsey Graham erklärte, er sei "zutiefst enttäuscht" über den Ausgang des Prozesses. "Wir befinden uns im Krieg mit al-Qaida. Mitglieder dieser Organisation und ihre Verbündeten sollten als Kämpfer und nicht wie normale Kriminelle behandelt werden." Guantánamo-Häftlingen müsse weiter vor Militärgerichten der Prozess gemacht werden. Graham hatte Obama bereits zuvor vorgeschlagen, die Republikaner davon zu überzeugen, für eine Schließung Guantánamos zu stimmen. Im Gegenzug müssten die Insassen aber vor Militärtribunale gestellt werden, nicht vor Zivilgerichte.

Dagegen begrüßten Menschenrechtsorganisationen das Urteil. Daphne Eviatar von Human Rights First sagte, Prozesse vor Bundesgerichten hätten sich als "effizient, fair und transparent" erwiesen. Es gebe nun keinen Grund mehr, das Gefangenenlager in Guantánamo weiter zu betreiben. Ähnlich äußerste sich die US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU).

Der Prozess zeigte aber auch die Schwierigkeiten auf, gegen Angeklagte einen Prozess zu führen, die zuvor in geheimen Gefängnissen des US-Geheimdienstes CIA einsaßen und dort möglicherweise gefoltert wurden. So ließ der Richter in New York einen wichtigen Zeugen der Anklage nicht zu, weil die Ermittler ihn nach CIA-Verhören Ghailanis aufgespürt hatten.