Die Ansage der Entwicklungsexperten ist eindeutig: Auch in den ärmeren Ländern Subsahara-Afrikas sind die Staaten in der Lage, bescheidene soziale Grundsicherungssysteme aufzubauen, zu finanzieren und zu verwalten. Sie könnten dadurch zu Wachstum, Armutsbekämpfung und der Erreichung der Millennium-Entwicklungsziele beitragen.

Diese Empfehlungen stehen im zweite Band der Europäischen Entwicklungsberichte (European Report on Development/ ERD), die von der Europäischen Kommission und einigen Mitgliedsstaaten – darunter Deutschland – finanziert werden. Nachdem der erste Band der Überwindung des Phänomens der zunehmenden Zahl von politisch schwachen Staaten in Afrika gewidmet war – der Fragilität–, beschäftigt sich das Autorenteam der diesjährige Ausgabe, mehrheitlich Ökonomen, mit sozialer Sicherung in Subsahara-Afrika.

Damit greift der Bericht Forschungsergebnisse der letzten Jahre auf, die zeigen, welche zentrale Rolle soziale Sicherung für die ökonomische und politische Entwicklung in Entwicklungsländern spielt. Menschen, die keinen Zugang zu sozialen Sicherungssystemen haben, sind der Gefahr ausgesetzt (noch stärker) in Armut abzurutschen, wenn sie von einem Schicksalsschlag wie Krankheit, Missernte oder Erwerbsunfähigkeit getroffen werden. Möglicherweise müssen sie dann Ersparnisse auflösen, Vieh und andere Produktionsmittel veräußern und ihre Kinder zur Arbeit statt zur Schule schicken, um tägliche Ausgaben finanzieren zu können. Dadurch entledigen sie sich der Lebensgrundlage, die ihnen anderweitig helfen könnte, eine zumindest bescheidene Existenz aus eigener Kraft aufzubauen.

Noch gravierender ist, dass Haushalte ohne soziale Sicherheit von vornherein davor zurückschrecken, Ersparnisse zu investieren: Sie horten diese, um im Falle eines Schicksalsschlages flüssig zu sein und mögliche Einkommensausfälle überbrücken oder auch unerwartete Ausgaben finanzieren zu können. Menschen, die eine soziale Grundsicherung genießen, sind hingegen eher zu Investitionen in Bildung und Sachkapital bereit, die zusätzliche Risiken, aber auch die Aussicht auf Einkommensverbesserungen bergen. Empirische Untersuchungen legen nahe, dass die Existenz von sozialen Sicherungssystemen vor allem im informellen Sektor die Investitionsneigung stärkt und damit genau dort Wirtschaftswachstum fördert, wo dieses am besten zur Armutsbekämpfung beiträgt.

Und schließlich schaffen soziale Sicherungssysteme auch Stabilität. Indem sie Armut und wirtschaftliche Unsicherheit mindern, senken sie auch die Neigung einer Gesellschaft zu gewalttätigen Formen der Auseinandersetzung über politische Ziele.

Vor allem aber zeigen sie den Bürgern, dass der Staat seine Verantwortung wahrnimmt. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sich die Bürger durch die Existenz und den Aufbau von sozialen Sicherungssystemen auch (wieder) stärker mit dem Staat identifizieren und ihrerseits Bereitschaft zeigen, ihren Pflichten gegenüber der Gemeinschaft nachzukommen. Soziale Grundsicherung ist somit nicht nur präventive Armutsbekämpfung, sondern auch eine Rückversicherung für unternehmerisches Handeln sowie die materielle Basis eines von allen Staatsbürgern akzeptierten Sozialvertrags.

Zu Recht wird gefragt, wie arme Länder soziale Sicherungssysteme finanzieren können. Und die bisherigen Erfahrungen der Entwicklungsländer – insbesondere in Subsahara-Afrika – nähren auch eher die Zweifel daran, dass dies gelingen kann. So ist fast nirgendwo eine Mehrheit der Bevölkerung durch Sozialsysteme abgesichert, die von den Mitgliedern selbst durch Beiträge finanziert werden: Sozialversicherungen, private Versicherungen oder Versicherungsvereine auf kommunaler Basis.