Was für ein blutiges Jahr! Noch nie haben so viele internationale Soldaten ihr Leben in Afghanistan gelassen wie 2010. Sie wurden Opfer von Heckenschützen, Sprengfallen und Selbstmordattentätern, sie starben beim Beschuss mit Mörsergranaten, Raketen und Sturmgewehren. Die Internationale Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) verlor im laufenden Jahr rund 700 Männer und Frauen, die Afghanische Nationalarmee (ANA) mehr als 800 Soldaten. Wie viele Aufständische, wie viele Zivilisten starben, weiß keiner – es dürften Tausende sein. Die schlechteste Nachricht ist jedoch: Für 2011 erwarten Experten keine Besserung.

Es ist kein Pathos, keine Übertreibung, die kommenden zwölf Monate als afghanisches Schicksalsjahr zu bezeichnen. 2011 soll der Abzug der internationalen Kampftruppen beginnen, so hat es US-Präsident Barack Obama angekündigt. Afghanistans Präsident Hamid Karsai will, dass sein Land die Sicherheitsverantwortung übernimmt – das wird die afghanische Armee hoffnungslos überfordern. Obama wird darauf keine Rücksicht nehmen. Er steht zu Hause unter Druck, ab Januar werden die Republikaner im Repräsentantenhaus die Mehrheit haben und im Senat verfügen Obamas Demokraten nur über wenige Stimmen mehr als die Opposition. Der mächtigste Mann der Welt hat größere Sorgen als Afghanistan. Ende 2011 muss Obama mit dem Wahlkampf für seine angestrebte Wiederwahl 2012 beginnen. Seine wichtigsten Berater eröffnen im Januar das erste Wahlkampfbüro. Wer die Wahl gewinnen will, muss den Krieg beenden – zumindest wenn die Mehrheit der Wähler ihn ablehnt.

Im Irak hat Obama das getan und die Kampftruppen abgezogen. Zwar bleiben amerikanische Soldaten in den Feldlagern bei Bagdad und in anderen Großstädten, Spezialkräfte jagen weiter Terroristen und Ausbilder trainieren die irakischen Sicherheitskräfte. Schwere Verluste bringen diese Aufgaben der US-Armee nicht mehr bei. Ganz anders sieht die Mission in Afghanistan aus. Dort erobern US-Bodentruppen gemeinsam mit den Alliierten im Häuserkampf mühsam Dörfer und entschärfen Tag für Tag versteckte Sprengfallen – im zehnten Jahr des Krieges. Attentäter rekrutieren die Aufständischen mittlerweile sogar unter den Mitgliedern der afghanischen Armee und Polizei. Der Feind lauere überall, sagen amerikanische Soldaten.

Das ist fatal für die Isaf. Denn deren Kommandeur, David Petraeus, setzt auf das Partnering. Das bedeutet, dass internationale Infanterieeinheiten mit den afghanischen Sicherheitskräften gemeinsam ins Feld gehen. So soll das Vertrauen gestärkt werden, die Afghanen sollen von den erfahrenen Kampftruppen lernen. Doch mit jedem Anschlag eines Täters in Uniform schwindet das Vertrauen.

Nicht nur bei Anschlägen haben sich die Aufständischen der veränderten Taktik der Isaf angepasst: Sie reagieren flexibel, weichen aus und schlagen sogar im Winter zu. Traditionell begann in Afghanistan bei Eis und Schnee eine Zeit der Waffenruhe, weil die Gebirgspässe nicht passierbar sind.

Zu Beginn des Jahres 2010 hatte es eigentlich noch ganz gut ausgesehen. Der Surge der Amerikaner, der massive Truppenzuwachs auf insgesamt 130.000 internationale Soldaten also, hatte zunächst Erfolge gebracht: 300 Talibananführer seien gefangen genommen oder getötet worden, teilte die Isaf mit. Doch den verschiedenen Aufstandsbewegungen gelang es meistens schnell, die Verluste auszugleichen. An Freiwilligen mangelt es den Taliban und den anderen Gruppen nicht. Die Shura-Taliban, die von Mullah Omar vom pakistanischen Quetta aus geführt werden, schicken immer weitere Rekruten und Kriegsmaterial über die Grenze.

Amerikanische Offizielle sprechen aber von einem Sieg über al-Qaida. Das Terrornetzwerk von Osama bin Laden hatte mit den Anschlägen vom 11. September 2001 den Afghanistaneinsatz ausgelöst. Die Terroristen zu besiegen, war eines der wichtigsten Kriegsziele. Viele Ausbildungslager wurden zerstört, wichtige Anführer festgenommen und getötet. Doch al-Qaida ist wie eine Hydra, schlägt man einen Kopf ab, wachsen weitere nach. Die wichtigsten Männer der Organisation, bin Laden und sein Stellvertreter Ayman al-Zawahiri, sind seit fast zehn Jahren die meistgesuchten Männer der Welt. Als Anführer braucht die zweite und dritte Generation von al-Qaida sie nicht mehr. In Somalia, im Jemen, in Irak, in Nordafrika und in Pakistan sind Untergruppen mit eigener Führung entstanden und neue Rückzugsräume, in denen Terrorjünger ausgebildet werden. Das Ziel, al-Qaida auszuschalten, wurde nicht erreicht.