ZEIT ONLINE: Herr Savisaar, im Unterschied zur estnischen Regierung sehen Sie die Euro-Einführung in Estland kritisch. Tatsächlich gibt es auch Wirtschaftswissenschaftler, die sagen, es sei verfrüht für das Land, den Euro einzuführen, unter anderem, weil das Bruttoinlandsprodukt nur 63 Prozent des EU-Durchschnitts entspreche. Wie lauten Ihre Bedenken?

Edgar Savisaar: Premierminister Ansip verkündete unmittelbar vor der Krise, dass man im Namen des Euro das Wirtschaftswachstum nicht aufs Spiel setzen wird. Er sagte auch, dass seine Regierung keinen Haushalt mit Defizit beschließen wird. Zum heutigen Zeitpunkt ist klar, dass die im Namen des Euro vorgenommenen Umsatzsteuererhöhungen, der Anstieg der Verbrauchssteuern und Haushaltskürzungen die allgemeine wirtschaftliche Lage Estlands und insbesondere die Fähigkeit der Menschen, mit dem Leben zurechtzukommen, spürbar erschwert haben. Das Haushaltsdefizit 2011 wird im Vergleich zu 2010 noch mehr zunehmen, und zwar ungeachtet der Beteuerung derselben Regierung, dass die Krise quasi vorbei sei. Ich bin der Ansicht, dass die Opfer, die, ohne zu fragen, vom estnischen Volk für die Einführung des Euro gefordert wurden, zu groß gewesen sind, und Estland den Euro übereilt einführt. Nehmen wir beispielsweise Polen zum Vergleich, das von der Krise viel weniger getroffen wurde und das sich mit dem Euro nicht beeilt hat.

ZEIT ONLINE: Hat es in Estland eigentlich eine nennenswerte öffentliche Debatte über den Euro gegeben?

Savisaar: Nein, es gab keine inhaltliche Debatte darüber. Die Regierung nutzt den Euro zynisch dazu, um eine höchst nichteuropäische Sozial- und Wirtschaftspolitik umzusetzen. Infolgedessen wird der kleine Teil der Reichen noch reicher werden, und der Mittelstand und der Bevölkerungsteil mit geringeren Einnahmen in einem schnelleren Tempo, als jetzt verarmen. Für die Regierung ist der Euro ein Feigenblatt, mit dem man die aus Europa immer lauter werdende grundsätzliche und ständige Kritik verbirgt.