Einschließlich China haben etwa 20 Staaten Norwegens Einladung zur Teilnahme an der Verleihung des Preises abgelehnt. Die meisten unterhalten enge wirtschaftliche oder militärische Verbindungen zur Volksrepublik, wollen China nicht verärgern oder verfolgen selbst einen harten Kurs gegen Regierungskritiker im eigenen Land.

Eingeladen zu der Verleihung werden traditionell die 65 Länder, die in Oslo Botschafter akkreditiert haben. Abgesagt haben neben China die Staaten Afghanistan, Ägypten, Algerien, Irak, Iran, Kasachstan, Kolumbien, Kuba, Marokko, Pakistan, die Philippinen, Russland, Saudi-Arabien, Sri Lanka, Sudan, Tunesien, Venezuela und Vietnam. Argentinien wollte dem Nobelkomitee zufolge fernbleiben oder zumindest nicht mit seinem Botschafter daran teilnehmen.

Die Ukraine lehnte eine Teilnahme zunächst ab, sagte nach Angaben des Direktors des Nobelinstituts, Geir Lundestad, dann aber zu. Auch Serbien kündigte an, doch bei der Zeremonie in Oslo durch seinen Ombudsmann für Menschenrechte vertreten zu sein. Die Europäische Union hatte Serbien wegen dessen ursprünglicher Boykottankündigung heftig kritisiert. Russland, das mit China im vergangenen Monat ein milliardenschweres Handelsabkommen unterzeichnet hatte, begründete seine Nicht-Teilnahme mit Terminschwierigkeiten.

Der Friedensnobelpreisträger des vergangene Jahres, US-Präsident Barack Obama, forderte Peking nach der Zeremonie zur Freilassung Lius auf. "Er sollte so schnell wie möglich freikommen", sagte der Präsident. "Er erinnert uns daran, dass Menschenwürde auch von einem Voranbringen der Demokratie abhängt, von einer offenen Gesellschaft und von der Macht des Gesetzes", sagte Obama weiter und ergänzte: "Er verdient die Auszeichnung viel mehr als ich."

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International äußerte die Hoffnung, dass der Preis für Liu Anlass für Veränderungen ist. "Der Nobelpreis wird den moralischen und politischen Druck erhöhen", sagte die Generalsekretärin der Organisation in Deutschland, Monika Lüke. China werde es sich auf Dauer nicht leisten können, in der Wirtschaft ein Riese, aber bei den Menschenrechten ein Zwerg zu sein. Der Sprecher der China-Gruppe von AI, Dirk Pleitner, sagte: "Mit diesem Nobelpreis wird auch die gesamte Bürgerrechtsbewegung in China anerkannt."

Bundespräsident Christian Wulff rief dazu auf, bei Menschenrechtsverletzungen nicht die Augen zu verschließen. "Auch unterschiedliche Traditionen und Kulturen dürfen kein Grund sein, Menschenrechte in Frage zu stellen", sagte Wulff. Menschenrechte und Menschenwürde seien die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. "Gerade in unserer heutigen globalisierten Welt brauchen wir die universellen, unveräußerlichen und unteilbaren Menschenrechte als Wegweiser und Richtschnur für unser Handeln."

Es war nicht das erste Mal, dass eine Nobelpreis-Zeremonie ohne den Preisträger stattgefunden hat. Dass die Preisverleihung ausfiel, ist allerdings historisch. Sowohl bei der Ehrung Aung San Suu Kyis (1991) als auch bei jener Andrei Sacharows (1975) nahmen Familienmitglieder den Preis in Empfang. Vergleichbar mit Lius Fall sind die Umstände der Verleihung von Carl von Ossietzkys Nobelpreis, dem 1936 die Ausreise aus Deutschland verwehrt wurde. Auf Druck des Nazi-Regimes blieb gar Norwegens König der Zeremonie fern.

Neben dem Friedensnobelpreis wurden im schwedischen Stockholm auch die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin und Literatur überreicht. Gleichzeitig wird der Träger des Wirtschaftsnobelpreises , der von der schwedischen Reichsbank in Gedenken an Nobel gestiftet wurde, geehrt.