Die Bekanntgabe des Wahlergebnisses in Haiti, das eine Stichwahl nötig macht, hat zu schweren Ausschreitungen auf der gesamten Insel geführt. Anhänger unterlegener Kandidaten errichteten in der Hauptstadt Port-au-Prince Barrikaden und zündeten das Hauptquartier der Regierungspartei an. Auch in anderen Städten und Ortschaften brannten Büros der Partei. "Es ist ein totaler Aufstand", sagte ein Augenzeuge angesichts der Tausenden von protestierenden Menschen in den Straßen der Hauptstadt.

"Überall in der Stadt brennen Reifen", sagte eine Augenzeugin angesichts der Auseinandersetzungen in der Hauptstadt. "Und überall sind Schüsse zu hören." Läden wurden geplündert. Weder die haitianische Polizei noch die im Lande stationierten Truppen der UN-Mission Minustah zeigten sich in der Lage, die Menge zu stoppen.

Bei Protesten in Cap-Haïtien, rund 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt, wurde ein junger Demonstrant durch Kugeln getötet. Nach Angaben örtlicher Medien erlitten zwei weitere Menschen Schussverletzungen. Auch in Mirebalais im Zentrum des Landes seien drei Menschen ebenfalls durch Kugeln verletzt worden. Es handelte sich um die ersten Opfer der bereits am Dienstag begonnenen Ausschreitungen.

Die Menschen empören sich vor allem darüber, dass der populärste Präsidentschaftskandidat, der Musiker Michel Martelly, nach Angaben der Wahlbehörde aus dem Rennen um die Präsidentschaft ausgeschieden sein soll. Statt seiner soll Jude Celestin, der Kandidat der Regierungspartei für die Präsidentschaft, im Januar in einer Stichwahl gegen Mirlande Manigat antreten, die im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten haben soll. Deshalb wurden auch die Wahlplakate der beiden von den Demonstranten niedergerissen und verbrannt. 

"Unser Kandidat wurde fertiggemacht", sagte einer der Demonstranten, die spontan für Martelly auf die Straße gingen. "Wir werden das ganze Land blockieren." Bereits am Morgen waren Tausende wutentbrannte Menschen zum Sitz des Provisorischen Wahlrates in Port-au-Prince geströmt, wo bereits am Abend zuvor Barrikaden errichtet worden waren. Sie skandierten "Wir wollen Michel Martelly" und "Wir wollen unser Recht".

Angesichts des Volkszorns schaltete sich schließlich auch die US-Botschaft in Haiti in den Konflikt ein und äußerte ebenfalls Zweifel am Wahlausgang. "Wie andere, so ist auch die Regierung der Vereinigten Staaten besorgt über die Wahlmitteilung des Provisorischen Wahlrates, die nicht mit den Ergebnissen des Nationalen Rates der Wahlbeobachter übereinstimmt", teilte die US-Botschaft mit. "Die USA und die internationale Gemeinschaft sind bereit, die Unregelmäßigkeiten genau zu überprüfen, um zu Ergebnissen zu kommen, die dem Willen des haitianischen Volkes entsprechen, den es mit seinen Stimmen zum Ausdruck gebracht hat."

Staatschef René Préval rief die Bevölkerung zur Ruhe auf. "Demonstrieren Sie, das ist Ihr Recht, aber greifen Sie keine öffentlichen Gebäude, Geschäfte und Privatbesitz der Menschen an", sagte er in einer im haitianischen Rundfunk übertragenen Ansprache. Préval hob hervor, dass die Ergebnisse der ersten Wahlrunde nicht endgültig seien, sondern vor dem Wahlgericht angefochten werden könnten.

Die Wahl in Haiti fand während einer schweren Cholera-Epidemie statt. Zwölf der insgesamt 18 Kandidaten für das Präsidentenamt hatten wegen mutmaßlicher Unregelmäßigkeiten eine Annullierung der Wahl gefordert.