Es war der Krimi von Cancún. Euphorie lag in der Luft, als im abschließenden Plenum um zehn Uhr nachts die Beratungen begannen. Gleich zu Beginn begeisterte der Abgesandte der Malediven die Delegierten mit seiner Wortmeldung: Er komme aus einem Land, dessen Überleben vom Klimawandel abhänge, sagte er. Die vorliegenden Entwürfe seien nicht perfekt. Aber es sei nötig, einem Kompromiss zuzustimmen: "Wir müssen einfach die nächste Stufe erreichen," appellierte er sichtlich bewegt an die Delegierten. "Wir haben in den vergangenen 24 Stunden große Fortschritte gemacht, und ich denke, Sie alle hier in diesem Raum können die gute Stimmung spüren und wissen, was das bedeutet." Dafür erhielt er Jubel und Szenenapplaus.

Auch der mexikanischen Außenministerin Patricia Espinosa, die den Klimagipfel von Cancún leitete, spendeten die Delegierten mehrfach stehend Beifall. Sie hatte am Freitag der Konferenz völlig überraschend die entscheidende Wendung gegeben. Die Mexikaner, die als Veranstalter des Klimagipfels zunächst vor allem für ihre Moderation, den transparenten Stil und das Ansinnen, alle Staaten mit einzubeziehen, gelobt worden waren, zeigten überraschend Führungsstärke. Nachdem die vorherigen Verhandlungen zu keinen greifbaren Erfolgen geführt hatten, legte die Delegation um Patricia Espinosa am Freitagnachmittag das entscheidende, lediglich zehn Seiten lange Papier vor.

Bis dahin war noch alles offen gewesen, trotz einer durchverhandelten Nacht von Donnerstag auf Freitag. Japan, Russland und Kanada blockierten eine Verlängerung des Kyoto-Protokolls . Brasilien und Papua-Neuguinea wehrten sich gegen mit dem UN-Waldschutzprogramm " REDD+ " verknüpfte Klauseln, die garantieren sollten, dass indigene Völker durch " REDD+ " (Reduced Emissions from Deforestation, Forestdegradation + Waldmanagement) nicht ihres Lebensraums beraubt würden. Es sei ein zu schwerer Eingriff in ihre nationalen Hoheitsrechte, die Einhaltung der Klauseln von anderen überwachen zu lassen, argumentierten Brasilien und Papua-Neuguinea.

In Cancún schien die Balance zwischen den Interessen der USA und der Entwicklungsländer besonders schwer zu finden. Der Unmut der Entwicklungsländer war groß: Sie fühlen sich schon lange von den Industrieländern übervorteilt. Die Reichen seien nicht bereit, ihre eigenen Emissionen zu senken, und sie stellten zu wenig Hilfe bereit, zugleich wollten sie den Armen weit reichende Pflichten auferlegen, beklagten sie. Der Groll über die Kopenhagener "Geheimverhandlungen" des vergangenen Jahres, die letztlich zum Eklat geführt hatten, schwelte noch nach.

Am Freitag, dem letzten Tag des Gipfels, passierte zunächst lange gar nichts. Journalisten, Umweltschützer und Sprecher von Entwicklungsorganisationen warteten und befragten sich gegenseitig. Dann veröffentlichte die Konferenzleitung den abschließenden Entwurf der Arbeitsgruppe zum Kyoto-Protokoll – und die Sache wurde noch schwerer zu durchdringen. Der Entwurf war ein dicker Packen Papier, bedruckt mit einem Text voller eingeklammerter Absätze, bei der jede Klammer für einen umstrittenen Sachverhalt stand. Das Papier besagte letztlich, dass die Konflikte während der letzten Verhandlungsnacht klarer definiert worden waren. Aber nicht beseitigt.