Angesichts der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel hat US-Admiral Mike Mullen scharfe Kritik an China geübt. Mullen warf China bei einem Besuch in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul vor, trotz des gemeinsamen Interesses an einer Entspannung seinen "einzigartigen Einfluss" auf das kommunistische Nordkorea nicht geltend zu machen. "Sie scheinen nicht bereit, das zu nutzen."

Der Stabschef der US-Armee warnte Nordkorea zugleich vor weiteren Aggressionen. Vor rund zwei Wochen hatte Nordkorea eine zu Südkorea gehörende Insel angegriffen. Die Entschlossenheit der USA, Südkorea zu verteidigen, sei "unumstritten", betonte Mullen nach Gesprächen mit seinem Kollegen Han Min Koo.

Beide kündigten an, die Manöver amerikanischer und südkoreanischer Streitkräfte zur Abschreckung Nordkoreas fortzusetzen. Nordkorea wertet die Übungen offiziell als Provokationen. Während Mullen in Seoul Gespräche führte, war aus Nordkorea Geschützlärm zu hören. Südkorea sprach von Schießübungen unweit der Seegrenze im Gelben Meer. Kein Geschoss habe die südkoreanische Seite getroffen, hieß es.

Washington hatte bereits in den vergangenen Tagen Druck auf China ausgeübt. So hatte Präsident Barack Obama in einem Telefonat mit Staatschef Hu Jintao China dazu aufgerufen, auf Nordkorea einzuwirken. Auch Mullen verlangte von den Chinesen mehr Einsatz. "Die Chinesen haben enormen Einfluss auf Nordkorea, Einfluss, den kein anderes Land auf der Erde hat", sagte er. "Selbst eine stillschweigende Billigung der Unverfrorenheit Pjöngjangs lässt alle ihre Nachbarn fragen: 'Was kommt als nächstes'?"

Beim Granatenbeschuss der grenznahen Insel waren vier Südkoreaner getötet worden. Südkoreas Militär war im eigenen Land dafür kritisiert worden, zu spät und zu lasch geantwortet zu haben. Mullen warnte, Nordkorea dürfe Südkoreas Besonnenheit nicht als Mangel an Entschlossenheit missverstehen. Mullens Kollege Han sagte, Nordkorea müsse einen "sehr hohen Preis für weitere Provokationen zahlen".