Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew hat eine positive Jahresbilanz gezogen. "Unser Weg aus der Finanzkrise" sei für ihn das wichtigste Ereignis 2010 gewesen, sagte Medwedjew in einem Live-Interview mit den Chefs von drei staatlich kontrollierten Fernsehsendern. Zudem rief das Staatsoberhaupt zu mehr Anstrengungen für die wirtschaftliche Entwicklung des Riesenreichs auf sowie zum Kampf gegen die Korruption.

Es gebe keine "Pille" gegen die Korruption im Russland, sagte Medwedjew. In diesem Zusammenhang übte er harsche Kritik am Moskauer Ex-Bürgermeister Jurij Luschkow , den Medwedjew im Herbst nach 18 Jahren im Amt entlassen hatte. In der Hauptstadt sei die Korruption in den vergangenen Jahren "beispiellos" gewesen, sagte der Präsident. Er schlug vor, Geldstrafen so drastisch zu erhöhen, dass Schmiergeldempfänger ihren gestohlenen Reichtum verlören.

Medwedjew lobte das russische Wirtschaftswachstum, das seinen Angaben zufolge 2010 bei rund 4 Prozent liegt. "Wir sind nicht gestürzt, sondern gewachsen", sagte der 45-Jährige. Die monatelange Hitzewelle und Dürre sowie die heftigen Waldbrände im Sommer hätten einen größeren Anstieg allerdings verhindert.

Die Interviewpartner überraschten den Kreml-Chef in dem eineinhalbstündigen Gespräch mit für russische Verhältnisse ungewöhnlich kritischen Fragen und fielen ihm öfter ins Wort. Die mit Spannung erwartete Frage, ob Medwedjew oder sein Vorgänger Putin bei der Präsidentenwahl 2012 antritt, stellten sie aber nicht.

Allerdings übte Medwedjew indirekt Kritik an Putin. Mit Blick auf den umstrittenen Prozess gegen den inhaftierten Kremlkritiker und Oligarchen Michail Chodorkowskij sagte er: "Weder der Präsident noch ein anderer Beamter hat das Recht, seine Position in diesem Fall oder irgendeinem anderen Verfahren vor dem Urteilsspruch wiederzugeben." Putin hatte kürzlich ebenfalls live im Fernsehen eine neue Gefängnisstrafe gegen Chodorkowskij gefordert, der 218 Millionen Tonnen Öl unterschlagen haben soll.

Ein demokratisches Problem habe Russland nicht, sagte Medwedjew zugleich. Das Land bewege sich "geradewegs in Richtung Demokratie", sagte er. Allerdings müssten Regierungskritiker im Fernsehen präsenter sein und dürften nicht vom politischen Leben abgeschnitten werden, sagte der Präsident.

Internationale Themen kamen in dem Gespräch kaum zur Sprache. Lediglich das soeben vom US-Senat ratifizierte atomare Abrüstungsabkommen zwischen Russland und den USA wurde erwähnt. "Dieses Dokument ist ein Eckpfeiler der Sicherheit in der Welt und in Europa in den kommenden Jahrzehnten", sagte Medwedjew. Die Staatsduma in Moskau will dem sogenannten Start-Vertrag frühestens im Januar 2011 zustimmen.