Wo Ex-Soldaten auf ihre Reintegration warten

© Andrea Böhm
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Am 9. Januar sollen die Bewohner des Südsudan in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit entscheiden. Sofern alles planmäßig und ruhig verläuft, und die Prognosen der Experten stimmen, wird sich die überwältigende Mehrheit für einen eigenen Staat entscheiden – mit Juba als Hauptstadt. Ein historisches Ereignis nicht nur für den Sudan, sondern für ganz Afrika: Zum ersten Mal würden von den Kolonialherren – in diesem Fall waren es die Briten – gezogene Grenzen verschoben.

Der überwiegend christliche Süden hat im Kampf um Autonomie und Unabhängigkeit gegen den islamischen Norden zwei Bürgerkriege mit über 1,5 Millionen Toten hinter sich. Der zweite Krieg dauerte 21 Jahre und endete 2005 mit einem Comprehensive Peace Agreement , das unter anderem einen Waffenstillstand sowie das nun avisierte Referendum festschrieb.

Die Startbedingungen des neuen Staates könnten schwieriger nicht sein. Der Süden wurde – wie auch Darfur im Westen des Landes – von der Zentralregierung in Khartum systematisch vernachlässigt und zählt heute zu einer der ärmsten Regionen in ganz Afrika. Außerhalb der wenigen größeren Städte gibt es so gut wie keine physische Infrastruktur, keine staatliche Ordnungsmacht. Was der Süden im Überfluss hat, sind Kombattanten – Männer und auch viele Frauen –, die für die Befreiungsbewegung der Sudanese People’s Liberation Army (SPLA) oder in Milizen gekämpft haben.

DDR – Disarmament, demobilisation, reintegration (Entwaffnung, Demobilisierung, Reintegration) – heißt die magische Formel zur Stabilisierung von Nachkriegsgesellschaften. In der Praxis ist sie unendlich schwer umzusetzen – besonders was das große R betrifft: Ehemalige Kombattanten in eine von Krieg und Armut geprägte Gesellschaft zu reintegrieren, ist eine Aufgabe für Jahrzehnte. Und solch langen Atem hat kaum einer der internationalen Geldgeber. Im Südsudan wird der DDR-Prozess unter anderem vom Auswärtigen Amt, der GTZ und dem Bonn International Center for Conversion (BICC) unterstützt, das schon in mehreren Nachkriegsländern technische Beratung bei solchen Programmen geleistet hat.

Lesen sie im Folgenden sechs Gespräche mit ehemaligen Kombattanten der SPLA in Juba, über ihre Kriegserfahrungen, ihr Leben heute und ihre Zukunftsaussichten.

© Andrea Böhm

Regina Richard Ngalaka (ungefähr 34)

Regina Ngalaka weiß ihr Geburtsjahr nicht. Sie glaubt, dass sie mit "ungefähr sechzehn Jahren" ihr erstes Kind bekommen hat. Der Sohn ist jetzt achtzehn, also müsste sie 34 sein.

Sie sei von einem Soldaten "unter Zwang geheiratet worden", sagt sie. Auf Nachfrage erklärt sie:

"Es war Krieg. Ich hatte eine kurze Affäre mit ihm. Dann habe ich ihn geheiratet, damit die anderen Soldaten mich nicht einfach nehmen."

Die Ehe mit einem Soldaten der SPLA bedeutete, unbezahlt für das ganze Bataillon zu schuften. Sie musste täglich für 30 Männer Sorghum mahlen und kochen, Feuerholz und Wasser holen, Uniformen waschen. Sie überlebte mehrere Bombardements der sudanesischen Luftwaffe. Während eines Angriffs bekam sie einen Querschläger ins Bein und ist seitdem gehbehindert.

Sie gebar während des Krieges vier Kinder, eines starb als Baby an Malaria. "Es gab ja keine Medikamente."

Andere "Dienstfrauen" flüchteten aus den Reihen der SPLA. Regina Ngalaka weiß nicht, "ob die alleine draußen überlebt haben."

Nach dem Krieg wollte sie ihre Ehe "richtig schließen." Der Mann sollte den Brautpreis an ihre Eltern zahlen, hatte aber kein Geld. Also lebt sie wieder bei den Eltern. Der Vater ihrer Kinder ist inzwischen nach Uganda ausgewandert auf der Suche nach Arbeit.

Ende 2009 wurde sie mit Hunderten anderer Männer und Frauen aus der SPLA entlassen. Für "Dienstfrauen" wie Ngalaka gibt es inzwischen eine offizielle Kategorie: Women associated with Armed Forces (WAF). Frauen die für Militärs geputzt, gekocht, geschleppt und mit ihnen geschlafen haben. Meist gegen ihren Willen – selbst wenn sie nie laut "Nein" sagten oder sagen konnten.

"Sind Sie wütend auf Ihren Mann, auf die Armee?"

"Nein, was soll das nutzen? Das ist Vergangenheit. Ich habe meine Kinder, die sind mein Trost."

Ngalaka wartet seit vier Monaten auf einen Reintegrationskurs, der ihr helfen soll, einen Job zu finden. Sie träumt von einem kleinen Marktstand. " Small business ", sagt sie auf Englisch. Sie kann weder lesen noch schreiben. Ihr Bruder gibt ihr manchmal etwas Geld, damit ihre Kinder in der Schule bleiben können.
 

Julius Loude (47)

Julius Loude trat 1993 im Alter von 30 Jahren in die SPLA ein. Er wurde als Artillerieschütze ausgebildet und hat den Krieg ohne physische Verwundung überstanden.

"Haben Sie während der Armeezeit Sold erhalten?"

"Keinen Piaster. Wir bekamen Waffen, eine Uniform, Verpflegung. Alles andere mussten wir selbst organisieren."

"Wie hat Ihre Familie überlebt?"

"Meine Frau ist mit den Kindern in ein Flüchtlingslager nach Uganda." Loude wurde Ende 2009 aus der SPLA ausgemustert.

"Wollten Sie die Armee verlassen?"

"Nein, ich wollte bleiben. Aber mein Kommandant hat gesagt, jetzt herrsche Frieden, die Armee müsse kleiner werden und ich sollte mich zur Polizei melden. Da haben sie mich auch rausgeworfen, weil ich zu alt bin."

Loude sagt, bei der Entwaffnung und  Demobilisierung seien seine Waffe und seine Uniform verbrannt worden. Er habe eine kurze Beratung erhalten und sei über die Gefahren von HIV/Aids aufgeklärt worden.

"Hat man in der SPLA je über Aids gesprochen?"

"Nein, ich wusste gar nicht, was das ist."

Loude hat in einem Projekt einer japanischen Hilfsorganisation einen Kurs als Maurer absolviert. Er hofft auf einen Job beim Bau eines neuen Hauptquartiers der UN-Mission in Juba, fürchtet aber, dass man ihn wegen seines Alters nicht nehmen wird.

"Ich habe Angst. Ich fühle mich überhaupt nicht gut. Ich sehe keine Zukunft."
 

Joseph Kosmas Kuju (35)

Joseph Kosmas Kuju sieht jünger aus, als er laut Altersangabe ist, und wirkt dabei sehr selbstbewusst. Er sei als Kind zu Hause misshandelt worden, erzählt er, und im Alter von zehn Jahren zur SPLA "geflohen": "Die Armee war mein Zuhause."

An anderer Stelle gibt er als Jahr seines Eintritts in die Armee 1988 an – demnach wäre er 13 gewesen. Er arbeitete zuerst in einer Werkstatt und reparierte Waffen, vor allem Kalaschnikows. Mit 15 erhielt er ein kurzes Kampftraining und wurde mit dreißig Mann an die Front nach Bor geschickt. Er wusste nicht, dass es sich bei dem Feind nicht um die sudanesische Armee handelte, sondern um eine andere, von der Volksgruppe der Nuer dominierte Fraktion der SPLA.

Die hatte sich zwischenzeitlich abgespalten vom Hauptarm der Armee, der von Angehörigen der Dinka kontrolliert wurde. Kuju geriet mitten in ein inzwischen berüchtigtes Massaker von Nuer-Kämpfern an 2000 Menschen, überwiegend Zivilisten. Seine Einheit wurde fast vollständig aufgerieben, die älteren Mitglieder im Kampf oder nach der Gefangennahme erschossen.

"Was hat man mit Ihnen gemacht?"

"Die haben mich und drei andere vier Tage lang immer wieder ausgepeitscht. Dann haben sie uns laufen lassen, weil wir noch so jung waren."

"Was ist dann passiert?"

"Wir sind zurück zu unserem Stützpunkt gelaufen."

"Wie weit war das von Bor entfernt?"

"Weiß nicht. Ein paar hundert Kilometer."

"Hassen Sie die Nuer-Soldaten für das, was Ihnen angetan wurde?"

"Nein, wieso? Es war Krieg. Die haben doch auch nur auf Befehl gehandelt."

Kuju hat sich bei der ersten Gelegenheit demobilisieren lassen.

"Krieg ist völlig sinnlos. du verschwendest nur Deine Zeit. Ohne Krieg hätte ich schon lange einen guten Job und ein Haus mit Wellblechdach."

Kuju nahm nach seiner Entlassung aus der Armee an einem Kurs als Schweißer teil. Von den 860 sudanesischen Pfund (rund 250 Euro), die ihm nach der Ausmusterung als Startkapital gegeben wurden, hat er sich ein kleines Schweißgerät gekauft.

Er betreibt eine kleine Werkstatt mit einem Partner, dessen Generator er benutzen darf und den er dafür an den Einnahmen beteiligt. In der Regel nimmt er pro Auftrag 20 Pfund ein, Waffen repariert er nicht mehr. Inzwischen läuft das Geschäft, er habe, sagt er, zwei Helfer angestellt.

"Haben Sie Familie?"

"Ich habe inzwischen sieben Kinder und vier Frauen. Aber die Ehefrauen sind ..." – er benutzt ein Wort auf Juba-Arabisch, das die Dolmetscherin mit "auf Kredit" übersetzt.

"Ich habe noch nicht genug Geld, um die Brautpreise zu bezahlen. Eine der Frauen ist deswegen auch zurück zu ihren Eltern."

"Wie hoch ist der Brautpreis?"

"So um die 2000 Pfund und sechs Kühe.

Kuju gehört zum Volk der Kakwa. Laut Kuju haben die traditionellen Chefs der Kakwa den Brautpreis in den vergangenen Jahren stark gesenkt, damit die durch den Krieg verarmte Gemeinschaft das Heiraten nicht einstellt. Deswegen, sagt Kuju, tolerierten Eltern nun öfter eine "Ehe auf Kredit".

"Wie wollen Sie bei so vielen Frauen und Kindern je das Brautgeld aufbringen?"

"Ich schaffe das. Ich verdiene jetzt genug, um drei meiner Kinder auf eine boarding school nach Uganda zu schicken. Ich bin kreativ. Ich kaufe mir als nächstes einen eigenen Generator. Dann muss ich meine Einnahmen nicht mehr teilen. Und dann baue ich ein Haus aus Ziegeln und mit Wellblechdach."

"Wie wohnen Sie jetzt?"

"Wir wohnen in vier kleine Strohhütten in Juba"

Kuju sagt,  er werde in seinem Leben all das schaffen, wovon er immer geträumt habe. "Auch wenn ich durch den Krieg Zeit verloren habe."
 

George Kulung (36)

George Kulung kam 1996 zur SPLA, kämpfte in einem Infanterie-Bataillon. Er hatte nach dem Friedensabkommen die Nase voll vom Militär, er hat nach eigenen Angaben zahlreiche Kampfeinsätze hinter sich und "viele Tote gesehen".

Auch Kulung möchte Schweißer werden, hat aber keinen Kurs absolviert. Im Gegensatz zu Kuju wirkt er hilflos und apathisch. Mit fünf Jahren Schuldbildung kann er kaum lesen und schreiben.

Kulungs Offiziere hatten ihm bei der Entlassung erzählt, das Büro für Demobilisierung und Reintegration würde sich "um alles kümmern, mir ein Haus bauen, Schuldgeld für die Kinder zahlen und einen Job beschaffen."

In Wahrheit hat die DDR-Kommission so gut wie kein Geld, ihre Vertreter müssen die Enttäuschung und Wut der Ex-Kombattanten ausbaden, die nichts weiter erhalten haben als eine Entlassungsurkunde, Überbrückungsgeld, vier Sack Sorghum, einige Kanister Kochöl, Salz und Linsen.

Kulungs Ration ist längst aufgebraucht. Seitdem wartet er.

"Wovon leben Sie und ihre Familie?"

"Ich habe eine Frau und vier Kinder. Mein Bruder hilft uns."

Kabang Mela Leju (39)

Kabang Mela Leju ist eine schlanke, sehr lebhafte Frau. Wenn sie lacht, was sie oft tut, blinkt ein Goldzahn. Sie gehört zum Volk der Bari, dass der Südsudanesischen Befreiungsarmee immer skeptisch gegenüber stand, klingt aber wie eine sehr überzeugte Parteisoldatin. Sie trat mit 18 Jahren in die Armee ein. Auch ihr Sohn wurde als Jugendlicher Soldat und stieg bis zum Leibwächter von John Garang, dem jahrelangen SPLA-Führer auf.

"Was haben Sie in der SPLA gemacht?"

"Ich war in der Infanterie."

"Haben Sie gekämpft?"

"Nein, ich habe in der Verwaltung gearbeitet. Aber viele anderen Frauen haben gekämpft."

Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass sie offenbar als Dienstbotin eingesetzt war.

"Warum sind Sie zur Armee gegangen?"

"Um unser Land gegen die Araber zu verteidigen. Sie haben uns unser Land genommen, unsere Kinder und unser Vieh geraubt. Sie haben Jungen in den Norden geschleppt und dort wie Frauen benutzt."

Von Khartum ausgerüstete Reitermilizen haben im Südsudan – wie später in Darfur – zahlreiche Gräueltaten verübt. Sie massakrierten Zivilisten, vergewaltigten Frauen, stahlen riesige Viehherden und entführten Minderjährige in den Norden. Mädchen wurden oft als Dienstsklavinnen missbraucht und vergewaltigt. Jungen wurden zur Arbeit als Viehhirten gezwungen. Der Vorwurf, Araber hätten Jungen vergewaltigt ("wie Frauen benutzt"), fachte den ohnehin schon enormen Hass der Südsudanesen auf den Norden zusätzlich an.

"Wären Sie gern in der Armee geblieben?"

Leju zögert.

"Ich will ein ziviles Leben. Im Militär muss man ständig von einem Ort zum nächsten ziehen. Ich will in einer Stadt bleiben."

"Haben Sie Familie?"

"Mein Mann ist mit seinen drei anderen Frauen nach Rumbek gezogen. Ich bin jetzt allein hier. Meine Tochter ist bei der Polizei. Aber sie hat selbst Familie und kann mir nicht viel helfen."

"Was ist mit Ihrem Sohn?"

"Der ist tot. Er ist mit Garang abgestürzt." (John Garang kam am 30. Juli 2005, nur wenige Wochen nach dem Friedensabkommen mit dem Regime in Khartum, bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben)

"Wovon leben Sie?"

"Ich verkaufe Tee an der Straße."

"Kann man davon leben?"

"Man muss."

"Hat man Ihnen schon einen Kurs zur Reintegration angeboten?"

"Nein, ich warte seit Dezember."

"Was würden Sie gern machen?"

"Ich würde gern Abgeordnete im südsudanesischen Parlament werden. Im Parlament sind jetzt Extra-Sitze für Frauen reserviert."

"Können Sie lesen und schreiben?"

"Nein. Ich müsste erst mal in die Schule."

 

Joyce Kaji (Alter unbekannt)

Joyce Kaji weiß ihr Alter nicht. Körperlich sieht sie aus, wie gerade in die Pubertät gekommen. Ein untersetztes Mädchen mit abrupten Gesten und Kopfbewegungen. Die Verhaltensstörungen sind offensichtlich.

Ihre rechte Hand ist verkrümmt, der Mittelfinger fehlt, Spuren eines Luftangriffs der sudanesischen Armee, bei dem ihre Eltern und ihr Bruder getötet wurden. Seitdem, sagt sie, sei sie bei der SPLA gewesen, oft im Fronteinsatz.

Es bereitet ihr offenbar große Schwierigkeiten, Ereignisse zu erinnern. Immer wieder macht sie eine frustrierte Handbewegung, als sei ihr ein Tier entwischt.
"Mein Kopf kann manchmal nicht mehr denken",  sagt sie.

"Haben Sie Alpträume?"

"Nein. Es wird einfach dunkel in meinem Kopf, alles wird schwarz. Manchmal falle ich dann um."

"Haben Sie Schmerzen?"

"Mein Kopf tut sehr weh."

Sie wurde im Dezember 2009 aus der Armee entlassen – gegen ihren Willen. Seither lebt sie bei einem Onkel in Juba. Sie bräuchte dringend psychologische Betreuung. Aber in Juba gibt es keine Fachkräfte. Fünf Jahre nach Abschluss des Friedensabkommens existiert in einer der weltweit am schwersten traumatisierten Regionen keinerlei psychosoziale Betreuung.

Joyce Kaji kommt immer wieder zum Büro der DDR-Kommission, wo ihr aber niemand helfen kann. Vor einigen Wochen hat sie in einem Verzweiflungsanfall das Mobiliar zertrümmert und Akten zerrissen. Erst vier Polizisten gelang es, sie niederzuringen. Die Leiterin der Kommission hat sichtlich Mitleid mit dem Mädchen, aber auch  Angst vor der seiner Gewalttätigkeit. "Zu viel Wut für einen Menschen", sagt sie.