Amerikanische Diplomaten sehen Russlands Führung anscheinend mit tiefer Skepsis – allen öffentlichen Bekundungen über ein gutes Verhältnis zu Russland zum Trotz. Das geht aus US-Diplomatendepeschen hervor, die Wikileaks nach einem Bericht der New York Times   veröffentlicht hat.

Demnach bezeichnen amerikanische Diplomaten Russland als mafiösen Staat, in dem Korruption auf allen Ebenen herrsche. Die Polizei, die Sicherheitsbehörden und die Verwaltung kassierten Schmiergeld, das nach oben weiter gereicht würde – teilweise bis in den Kreml. Das Land wird als "stark zentralisiert, manchmal brutal und unabänderlich zynisch und korrupt" beschrieben. Der Kreml sei dabei das Zentrum offizieller und quasi-offizieller Gaunereien.

Moskau wird in den Depeschen der US-Botschaft als eine Stadt in den Händen der "Kleptokratie" geschildert. Diese Einschätzung stammt aus der Amtszeit, des inzwischen geschassten Bürgermeisters Juri Luschkow. Ihm wird in einer Depesche mit der Überschrift " The Luzkhov Dilemma " vorgeworfen, der Kopf eines komplexen Korruptionssystems zu sein und die Verbrechensbekämpfung systematisch zu unterbinden.

Kritik üben die amerikanischen Diplomaten an der russischen Haltung bei der Verteidigungszusammenarbeit. In einer Depesche, die vergangenes Jahr von der US-Botschaft in Moskau verfasst wurde, wird die Kooperation zwischen den beiden Ländern zwar als nützlich beschrieben, sie werde aber durch "einen Mangel an russischer Transparenz und Wechselseitigkeit" behindert. Russland verweigere den USA häufig den Einblick in Aufzeichnungen von Lagebesprechungen und erlaube nur selten Besuche von Standorten oder akademischen Institutionen, die sich schwerpunktmäßig mit Verteidigungsfragen befassen.

Auch aus der EU findet sich Kritik in den Depeschen:  In einem Kabel von 2004 wird der damalige EU-Außenkommissar Chris Patten mit den Worten zitiert, Putin scheine zwar absolut vernünftig, wenn man mit ihm über den Nahen Osten oder Energiepolitik diskutiere, wenn man aber auf Tschetschenien oder den islamistischen Extremismus zu sprechen käme, "würden Putins Augen zu denen eines Killers".

Putin nahm in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN erstmals Stellung zu den Veröffentlichungen von Wikileaks. Er äußerte sich vor allem zu einem Diplomatenbericht, in dem Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew und er selbst mit den beiden Comic-Figuren Batman und Robin verglichen wurden . Sollte das stimmen, so Putin, wäre das "arrogant". "Das dient nur dazu, einen von uns zu kompromittieren." Dabei sei die Zusammenarbeit mit Medwedjew gut und stabilisiere Russland.

Ob er bei der Präsidentenwahl 2012 kandidieren will, ließ Putin offen: "Mal sehen. Es ist ja noch eine Weile hin."

Der Regierungschef sagte in dem CNN-Interview, er höre immer wieder Kritik, Russland habe ein Demokratiedefizit. "Wenn wir Probleme in den USA ansprechen, heißt es: 'Mischt euch nicht ein.'" Er bitte deshalb darum, sich in die "souveränen Entscheidungen des russischen Volkes" ebenfalls nicht einzumischen.