Viele Venezolaner sprechen bereits spöttisch von einem " Venecuba ", so unübersehbar ist die kubanische Präsenz in ihrem Land. Ob in Krankenhäusern, Kulturhäusern, Agrarkooperativen, Meldeämtern oder Häfen – überall in Venezuela ist der Akzent der Karibikinsel zu hören. Auf kritische Fragen reagieren die durchaus freundlichen kubanischen Helfer allerdings häufig einsilbig. "Reden Sie mit meinen venezolanischen Kollegen", lautet dann so manches Mal die Antwort. Die Paranoia des Überwachungsstaates lässt die Kubaner in Venezuela nicht los. Der kubanische Geheimdienst hat seine Augen und Ohren auch im Bruderland.

Es liegt in der Natur der Sache, dass nur wenig über die Arbeit der kubanischen Geheimdienste in Venezuela bekannt ist. Von Wikileaks diese Woche veröffentlichte vertrauliche Dokumente der US-Botschaft in Caracas öffnen nun einen Türspalt in diese Schattenwelt. Was in den Geheimpapieren zu lesen ist, verblüfft. Präsident Hugo Chávez verlässt sich demnach in großem Maße auf die ausländischen Nachrichtendienstler.

Die Kubaner verfügten über einen "direkten Zugang" zu Chávez, kabelte 2006 der damalige US-Botschafter in Caracas, William Brownfield, in einer Depesche nach Washington . Ihre Berichte landeten häufig gar nicht erst bei ihren venezolanischen Kollegen, sondern schnurstracks auf dem Tisch des Präsidenten. Gar einen Wettbewerb zwischen den Diensten beider Länder um die Aufmerksamkeit der venezolanischen Regierung glaubt der US-Botschafter auszumachen.

Als größere Bedrohung für die Interessen der Supermacht betrachtet Brownfield dabei ohne Frage die Kubaner. "Die venezolanischen Geheimdienste gehören in dieser Hemisphäre zu den den USA am feindlichsten gesinnten, ihnen fehlt allerdings die Erfahrung ihrer kubanischen Kollegen", schreibt der US-Diplomat. Der in Jahrzehnten des Kalten Krieges angehäufte Wissensvorsprung ist so groß, dass kubanische Nachrichtenoffiziere "Venezolaner in Kuba und Venezuela" schulen.

Den US-Vertretern in Caracas ist bewusst, dass sie zu den bevorzugten Ausspäh-Zielen der Kubaner zählen, wie aus einem Geheimbericht von Januar dieses Jahres deutlich wird. Der Sicherheitsattaché der Botschaft schätzt das Risiko von Schnüffelattacken auf einer Skala bis sechs bei vier ein. Auf einer Tagung zum Thema Sicherheit warnt er seine Kollegen, dass die kubanisch-venezolanischen Nachrichtendienstmitarbeiter nicht nur einheimische Oppositionelle ausspionierten, sondern auch Mitarbeiter der US-Vertretung. Die Kontrolle über diese verdeckten Operationen haben nach seiner Auffassung kubanische Experten.

Die enge Freundschaft zwischen den beiden US-Kritikern Chávez und Fidel Castro sorgt seit Jahren für Gesprächsstoff. Beide Staatschefs vereinbarten im Jahr 2000 die Lieferung von venezolanischem Öl zum Vorzugspreis. Ohne das Öl wäre Kuba wirtschaftlich schon zusammengebrochen. Im Gegenzug hat die von den USA boykottierte Insel rund 40.000 Experten nach Venezuela geschickt. Die meisten von ihnen arbeiten als Ärzte oder Krankenschwestern in den " Barrio Adentro " ("Herein ins Viertel") genannten Gesundheitsstationen, mit denen Chávez den Armen eine kostenlose medizinische Versorgung ermöglicht.