Die alte Frau mit der Wollmütze traut sich als Erste aus der Deckung. "Ich habe eine Frage", sagt sie vorsichtig: "Darf ich sie stellen, Herr Kandidat?" Wladimir Neklajew trinkt einen Schluck Tee und nickt: "Selbstverständlich." Da bricht es aus der Fragestellerin heraus: "Was, Herr Kandidat, wirst du als Präsident gegen die Sauferei tun?"

Neklajew ist von Beruf Schriftsteller. Doch an diesem eisigen Winterabend ist er nicht ins Haus der Kultur von Polock gekommen, um Gedichte rezitieren. Vielmehr will Neklajew bei der Präsidentenwahl am 19. Dezember den seit 16 Jahren autoritär regierenden Alexander Lukaschenko "aus dem Palast jagen", wie er sagt. Und so reist der 64-Jährige durch die weißrussische Provinz und stellt sich in Fragestunden den Bürgern.

Etwa 82.000 Menschen leben in Polock. Es ist eine geschichtsträchtige Stadt. Die Gründungsväter der Rus, des ersten ostslawischen Reiches, sollen hier im 9. Jahrhundert gesiedelt haben. Doch das ist so lange her, wie die große Politik in der weißrussischen Hauptstadt Minsk weit weg ist.

In Polock, hoch im Norden des Landes, brennen den Menschen die Fragen und Sorgen des Alltags auf den Nägeln. Die Sauferei zum Beispiel. Und als Neklajew sagt, dass Freiheit und der damit verbundene Aufschwung die beste Garantie gegen den Sittenverfall sei, reicht das dem Publikum nicht: "Sag, was du gegen die Besoffenen tun willst!"

Der Saal ist kaum gefüllt, die rund 200 Besucher verlieren sich darin. Es ist zugig, und sie kauern in roten Plüschsesseln, die an die ruhmreiche Zeit der sowjetischen Kulturhäuser erinnern. Die meisten Zuhörer tragen aber billige Windjacken oder zerschlissene Pelzmäntel. Wenn sie dazwischenrufen oder lauthals lachen, entblößen sie die eine oder andere Zahnlücke. Es sind "Muzhiki", einfache, unverfälschte Männer vom Land mit ihren Frauen.

Für die Menschen in der weißrussischen Provinz sind solche freien Debatten "etwas völlig Neues", erklärt ein weißrussischer Journalist. Er ist als einer von drei Medienvertretern, die aus dem vier Autostunden entfernten Minsk angereist sind. Auch bei der  letzten Präsidentenwahl Anfang 2006 habe es im ganzen Land Veranstaltungen der Opposition gegeben, erzählt er. Aber damals hätten Lukaschenkos Leute im Publikum gesessen und seine Herausforderer niedergeschrien oder Prügeleien angezettelt.

Auch an diesem Winterabend sitzen Geheimpolizisten mit im Saal. Das zumindest sagen einige, die den KGB in Polock aus eigener Anschauung kennen: "Die Spitzel notieren alles, aber sie halten sich zurück."