Eigentlich war das Verhältnis Australiens zu seiner Schutzmacht Amerika zuletzt unproblematisch und harmonisch. Für den Fünften Kontinent sind die USA als Verbündeter unverzichtbar, bei der Umsetzung ihrer strategischen Ziele im asiatisch-pazifischen Raum setzen die Amerikaner wiederum auf die Mittelmacht Australien. Noch in der ersten Novemberwoche hatte Außenministerin Hillary Clinton die neue australische Premierministerin Julia Gillard in Melbourne besucht und von einer unerschütterlichen Achse zwischen Canberra und Washington gesprochen. Die USA hätten "keinen besseren Freund in der Welt".

Doch nach den Veröffentlichungen von Wikileaks ist das Makulatur. Gerade nahm Clintons Amtskollege Kevin Rudd den australischen Staatsbürger und Wikileaks-Gründer Julian Assange öffentlich in Schutz. Unumwunden gab Rudd amerikanischen Diplomaten die Schuld dafür, dass geheime Depeschen an die Öffentlichkeit gelangten. Nicht Assange habe die Affäre ausgelöst, sondern eine unzureichende Sicherung der Dokumente durch die Amerikaner. Dass zwei Millionen Menschen Zugang zu Hunderttausenden Diplomaten-Telegrammen gehabt hätten, sei "das Kernproblem", sagte Rudd, der früher selbst als Diplomat in den Botschaften in Peking und Stockholm gearbeitet hatte.

Das ist für ihn insofern unangenehm, als dass Rudd in der Öffentlichkeit bislang als Brückenbauer zu den Chinesen galt, deren Sprache er versteht und deren Kultur er eingehend studierte. Zwar hatte Rudd in den achtziger Jahren in seiner Doktorarbeit menschenverachtende Schauprozesse unter Deng Xiaoping beleuchtet und als australischer Premier 2008 vor Studenten in Peking eine international beachtete Rede gehalten, in der er die Menschenrechte der Tibeter anmahnte. Dennoch nahm ihn die diplomatische Welt als Vermittler zwischen China und dem Westen wahr. Dieser Rolle könnte er nun beraubt worden sein.

Umso bemerkenswerter, dass der Bloßgestellte nicht Assange, sondern die fehlende Verschlüsselung durch US-Diplomaten als Ursache der peinlichen Enthüllungen sieht. Sein Land könne zwar prüfen, argumentiert Rudd, ob Assange gegen Gesetze verstoßen habe, dies sei jedoch keine politische Frage. Der Wikileaks-Gründer werde wie jeder andere australische Bürger im Ausland volle konsularische Unterstützung erhalten. Man werde Assange einen Computer im Londoner Gefängnis zur Verfügung stellen, fügte er hinzu, sollten die britischen Behörden dies verweigern.