Die Enthüllungen von Al Jazeera und der britischen Zeitung Guardian bringen die palästinensische Autonomiebehörde in Bedrängnis. Geheimdokumente, die die beiden Medien in den kommenden Tagen veröffentlichen wollen, sollen beweisen, wie nachgiebig die PLO in den Friedensverhandlungen mit den Israelis war. Die annektierten Gebiete in und um Jerusalem – mitsamt dem Tempelberg – sollten unter israelische Kontrolle kommen. Außerdem sollten weit weniger als die insgesamt fünf Millionen palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren.

Arabische Kommentatoren zeigten sich entsetzt über die palästinensischen Verhandlungsangebote, wonach die heilige Stätte des Islam künftig nicht in muslimischer Hand gewesen wäre. Die Veröffentlichungen wurden als extrem schädlich für die moderate Palästinenserführung unter Präsident Mahmud Abbas eingestuft. Hardliner in der arabischen Welt sowie ihr Erzrivale, die im Gaza-Streifen herrschende Hamas, hatten Abbas' Fatah schon früher vorgeworfen, sie sei zu kompromissbereit und schwach gegenüber Israel.

Hamas-Sprecher Sami Abu Suhri sagte in Gaza, die Dokumente bewiesen, dass die Palästinenserführung heimlich mit Israel kollaboriere. Er warf Abbas' Behörde vor, "die gerechte palästinensische Sache zu zerstören". Ein weiterer Sprecher der Hamas sagte, die Enthüllungen seien ein Beweis dafür, wie das palästinensische Volk von den Verhandlungsführern verraten worden sei. "Diese Führung ist nicht ehrlich. Sie verfügt über keine Glaubwürdigkeit mehr, um weiter zu verhandeln. Diese Dokumente belegen, dass der Friedensprozess tot ist."

Diana Buttu, frühere Beraterin der Autonomiebehörde, nannte die Vorschläge "schockierend" und "vollkommen abgehoben" von den Wünschen des palästinensischen Volkes. Sie forderte den Chefunterhändler der Palästinenser, Sajeb Erakat, auf, sein Amt abzugeben. Buttu zufolge wird die Enthüllung die Glaubwürdigkeit der palästinensischen Führung erschüttern, insbesondere in der arabischen Welt.

Dies wies Palästinenserpräsident Abbas zurück und zeigte sich überrascht von den Berichten. Die Verhandlungsführer hätten keineswegs heuchlerisch gehandelt. "Wir haben vor unseren arabischen Brüdern nichts geheim gehalten", sagte er nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa am Sonntagabend in Kairo. Die arabischen Staaten seien über alle Verhandlungsstände informiert worden, sowohl bei bilateralen Treffen als auch durch die Arabische Liga. "Ich weiß nicht, woher Al Jazeera diese Geheimdokumente hat." Die Berichte würden die Positionen beider Seiten bewusst verwirrend darstellen. "Es ist beabsichtigt, ein Durcheinander zu schaffen." So würden israelische Positionen als palästinensische ausgegeben.

Zuvor hatte Chefunterhändler Erakat die veröffentlichten Dokumente als "Lügengespinst" bezeichnet. Sein Kollege Ahmed Qureia sagte der New York Times, die Dokumente seien manipuliert worden, um die Palästinenserbehörde in Verruf zu bringen. Ähnlich äußerte sich der Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jassir Abed Rabbo, im palästinensischen Rundfunk. Al Jazeera verfolge mit der Veröffentlichung ganz bestimmte politische Ziele und habe einige Informationen aus dem Kontext gerissen, um gegen die Autonomiebehörde zu hetzen.

Auf israelischer Seite meldete sich Außenminister Avigdor Lieberman zu Wort. Ihm zufolge zeigten die Dokumente, dass Frieden nur durch eine Übergangslösung möglich sei. Dies beinhalte dann auch den Verzicht der Palästinenser auf etwa die Hälfte der Gebiete des Westjordanlands.

Ein Sprecher des früheren Premierministes Ehud Olmert sagte, die veröffentlichten Dokumente enthielten "Ungenauigkeiten". Insgesamt hätten die Verhandlungen unter Olmert kurz vor einem erfolgreichen Abschluss gestanden. "Ich verstehe bis heute nicht, warum die Palästinenser letztlich nicht unterzeichnet haben", sagte der Sprecher dem israelischen Armeesender. Demnach hätte es vor gut zwei Jahren fast einen Friedensvertrag gegeben, beide Seiten hätten sich damals in allen Kernfragen des Konflikts geeinigt. Die Einigung habe eine Teilung Jerusalems, die Rückkehr 5000 palästinensischer Flüchtlinge nach Israel sowie einen Gebietsaustausch umfasst.

Aus Washington kam bislang nur eine Twitter-Nachricht von Philip J. Crowley, dem Sprecher des Außenministeriums. Man werde die Dokumente prüfen, hieß es dort. "Wir können deren Wahrhaftigkeit nicht garantieren."