Die ägyptische Armee hat am Sonntag vor mehr als 10.000 Demonstranten im Zentrum von Kairo Stärke demonstriert. Kampfflugzeuge überflogen den zentralen Tahrir-Platz im Tiefflug, während Soldaten mit mindestens 16 Fahrzeugen auf den Platz vorrückten, berichteten Augenzeugen wenige Minuten bevor um 16.00 Uhr (15.00 MEZ) wieder eine Ausgangssperre formal in Kraft trat. Die Protestler demonstrieren seit mittlerweile sechs Tagen gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak.

Auch in den Touristenhochburgen des Landes zeigt das Militär inzwischen Präsenz und ist in Teile der Urlaubsregion Scharm al-Scheich am Roten Meer eingerückt. Auch in Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel hätten Soldaten Stellung bezogen, berichteten Augenzeugen und Sicherheitskreise auf dem Sinai. Scharm al-Scheich ist auch bei vielen deutschen Urlaubern beliebt. Die Lage dort blieb am Wochenende weiter ruhig, während es in vielen ägyptischen Städten zu Demonstrationen gegen das Regime sowie zu Plünderungen und Gewalt kam.

Inzwischen haben die ägyptischen Muslimbrüder – die größte Oppositionsbewegung im Land – den Rücktritt von Mubarak gefordert und die Opposition zur Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit aufgerufen. Mit dem Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei gebe es bereits Gespräche, sagte ein Sprecher der Muslimbrüder. "Wir sprechen nicht nur mit ElBaradei, sondern auch mit anderen Oppositionskräften", sagte er. Zudem sei die Organisation auch in Verhandlungen mit der Armee. 

US-Außenministerin Hillary Clinton hat unterdessen erneut zum "nationalen Dialog" und zur Gewaltlosigkeit in Ägypten aufgerufen. Wie schon zuvor vermied sie es, zu Forderungen der Demonstranten nach einem Rücktritt des ägyptischen Präsidenten Stellung zu nehmen.

Der Guardian zitiert sie allerdings mit der Aussage, die US-Regierung wolle einen "geordneten Übergang, so dass niemand ein Vakuum befüllt, so dass es kein Vakuum gibt". Außerdem wolle Washington keinen Machtwechsel, der nicht zu Demokratie, sondern zu neuer Unterdrückung führe.

Die Regierung in Kairo kündigte unterdessen nach Angaben eines hochrangigen Mitgliedes der Regierungspartei die Vorstellung des neuen Kabinetts in wenigen Stunden an. Das berichtet der britische Sender BBC.

Zuvor hatte die Regierung dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera ein Sende- und Arbeitsverbot erteilt. Dem Sender wurde die Akkreditierung für alle Redakteure entzogen, die Sendelizenz für das Kairoer Büro wurde widerrufen. Wie der in Katar ansässige Sender mitteilte, schließt das ägyptische Hauptstadtbüro noch im Laufe des Tages. Al Jazeera hatte bisher ausführlich über die Proteste gegen die ägyptische Regierung berichtet. Der Sender verurteilte die Entscheidung  als "Zensur der Stimme des ägyptischen Volkes". Die Berichterstattung über die Ereignisse in Ägypten würde dennoch fortgesetzt.

Nach den tagelangen Unruhen hat Ägypten am Sonntag zudem die Grenze zum Gazastreifen bis auf weiteres geschlossen. Die Grenze könnte tagelang geschlossen bleiben, hieß es. Ägypten hatte den Rafah-Grenzübergang erst im vergangenen Juni nach langer Sperre wieder geöffnet.

Die im Gazastreifen regierende, radikalislamische Hamas teilte am Samstag mit, sie habe zahlreiche zusätzliche Polizeikräfte an der Grenze zu Ägypten positioniert. Damit sollte verhindert werden, dass Palästinenser aus dem Gazastreifen unkontrolliert nach Ägypten gelangen können.