Auch die Ägypter haben es jetzt satt. Ein Tag des Zorns folgt mittlerweile dem nächsten. Zehntausende ziehen gegen Hosni Mubarak durch die Straßen. Sie ignorieren Prügel, Tränengas, Gummigeschosse und Handschellen. Für morgen nach dem Freitagsgebet haben die Facebook-Aktivisten das ganze Land zu Großdemonstrationen aufgerufen. Immer mehr Menschen schreien sich ihren Frust aus dem Leib, das Regime hingegen schweigt und lässt knüppeln.

Niemand weiß, was momentan politisch hinter den Kulissen vorgeht. Nur der Aktienindex befindet sich in freiem Fall, während die Zahl der Verhafteten iranische Dimensionen anzunehmen beginnt.

Wie immer diese historische Konfrontation im Land der Pyramiden ausgeht, Mubaraks Tage als Präsident sind gezählt. Länger regierten am Nil in den letzten 5000 Jahren einzig der antike Pharao Ramses II. und – Anfang des 19. Jahrhunderts – Mohammed Ali Pasha. Mehr als die Hälfte der Ägypter kennen heute als Staatsoberhaupt nur den 82-jährigen Potentaten.

Was Mitte Januar im kleinen Tunesien begann , hat mit Ägypten jetzt auch das Herz der arabischen Welt erreicht. Jeder vierte Araber ist Ägypter, die Hauptstadt Kairo ist die einzige Weltmetropole der Region. Sein schieres demografisches Gewicht, aber auch sein kulturelles und intellektuelles Potenzial macht das Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern zum Gravitationszentrum unter den 22 arabischen Nationen. Und wenn nach Tunis jetzt auch in Kairo der nächste Langzeitherrscher vor dem eigenen Volk die Flucht ergreift, werden alle Königshäuser und Präsidentenpaläste des Orients endgültig in Panik geraten.

Denn die Ursachen für den Frust der Menschen sind in allen Staaten ähnlich: Autoritäre Regime und fehlende Mitsprache für Bürger, allmächtige Sicherheitsapparate und korrupte Justiz, hohe Arbeitslosigkeit und wachsende Armut. In keinem Teil der Welt sind die Menschen so jung und die Herrscher so alt wie im Nahen und Mittleren Osten. Allein in Ägypten kommen jedes Jahr 1,2 Millionen Einwohner hinzu. Ein Drittel der Einwohner kann nicht lesen und schreiben, die Hälfte muss inzwischen pro Tag mit weniger als zwei Dollar auskommen – also ohne jede Chance auf ein würdiges Leben.

Und dennoch ist der Aufstand in Ägypten weit mehr als eine Sozialrevolte. Die meist jungen Demonstranten fordern nicht nur Jobs und erschwingliche Lebensmittel, sondern auch politische Reformen, Pluralität und Freiheit. Sie wollen nicht länger in einem Staat leben, der zerfressen ist von Korruption, Misswirtschaft und Raffgier. Sie wollen ihre Meinung sagen und politisch mitmischen. Sie wollen garantierte Grundrechte und eine echte Wahl haben, wenn sie ihre Stimme abgeben.

Noch kann niemand sagen, wohin in Ägypten die Reise geht. Ob es zu schwersten Repression kommt wie seit 2009 in Iran? Ob es in Richtung Islamische Republik geht unter der Regie der Muslimbrüder, die am Nil ihre geistigen Wurzeln haben? Oder ob das Land mit einem frei gewählten Präsidenten den schwierigen Weg in eine offene Gesellschaft suchen kann. 

Denn die drei Präsidenten Nasser, Sadat und Mubarak des modernen Ägyptens haben eine innenpolitische Wüste hinterlassen. Sechzig Jahre haben ihre Apparate das politische Geschehen monopolisiert. Was an Oppositionsparteien noch übrig blieb, ist klein und zerstritten. Drei Prozent der Mandate haben sie noch im Parlament. Einzig die Muslimbruderschaft verfügt über eine gut organisierte Mitgliederbasis, hält sich aber bei den Protesten der Facebook-Generation auffällig abseits.

Und so fehlt dem Volksaufstand bisher ein politischer Hoffnungsträger, der die vielfältigen Erwartungen glaubwürdig verkörpern kann. Vielleicht fällt diese Rolle in den nächsten Tagen Mohamed ElBaradei in den Schoß. Am (morgigen) Freitag will der Friedensnobelpreisträger sich zum ersten Mal an den Demonstrationen in seiner Heimat beteiligen. Er wäre der richtige Mann für einen Machtwechsel am Nil ohne Gewalt, Bürgerkrieg und Chaos. Und den Friedensnobelpreis hätte er sich dann allemal verdient.