Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hat die ägyptische Regierung zu Gesprächen mit der Opposition aufgefordert. "Es muss friedlich vorangehen – auf der Grundlage eines offenen und ernsten Dialogs mit den Oppositionsparteien und allen Teilen der Zivilgesellschaft", sagte Ashton auf dem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. "Und wir finden, dass es jetzt passieren muss." Allen demokratischen Kräften sagte Ashton die Unterstützung der EU zu. Letztlich müssten die Ägypter aber allein über ihre Zukunft entscheiden.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte auf dem Treffen, die EU müsse an der Seite derer stehen, die Bürger- und Freiheitsrechte einforderten. Es sei wichtig, die Kräfte zu unterstützen, die einen geordneten Übergang zu demokratischen Verhältnissen wollten, sagte er. Zugleich müsse eine Radikalisierung verhindert werden. "Wir wollen nicht, dass radikale Trittbrettfahrer die Profiteure einer solchen freiheitlichen Demonstration werden können." Italiens Außenminister Franco Frattini sagte: "Wir sollten einen normalen demokratischen Weg unterstützen, ohne die Auswahl zu treffen, wer besser ist und wer nicht." Es liege nicht bei uns, sondern bei den Ägyptern, sagte er.

Die EU hatte Präsident Mubarak stets als stabilisierenden Faktor in der Region angesehen, was ihr in den vergangenen Tagen auch Kritik eingebracht hatte. Auf dem Treffen in Brüssel wurde auch die abwartende Haltung kritisiert – zum Beispiel von Guy Verhofstadt, dem früheren belgischen Premierminister und heutigem Vorsitzenden der Liberalen im Europäischen Parlament. "Es ist nicht gut, zu zaudern und abzuwarten, ob sich das Regime gegen den Willen des Volkes durchsetzen wird", sagte er. Genau das passiere aber gerade.

Aktiv eingreifen, da waren sich die Minister zum Auftakt einig, sollte die EU trotz allem nicht. "Die Europäische Union – sowohl in Tunesien wie in Ägypten – kann ja keine Revolutionen exportieren. Wir können nur Werte anbieten", sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Die EU habe sich zu lange auf ihre Außen- und Sicherheitspolitik konzentriert. "Wir haben ein wenig vergessen, dass Menschen da leben, die auch Demokratie wollen, die Mitbestimmung wollen – politische, wirtschaftliche, kulturelle, soziale", sagte er.

Unterdessen versucht die ägyptische Opposition trotz Ausgangssperre und Zugeständnissen, den Druck auf das Regime von Hosni Mubarak aufrechtzuhalten. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo riefen einige Gruppen zu einem Generalstreik auf. Allerdings konnten sie die Aufforderung wegen des blockierten Internets und schlechter Telefonverbindungen nur mittels Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten. Der Aufruf wurde zunächst nicht flächendeckend befolgt: Viele Menschen gingen nach dem Wochenende wieder normal zur Arbeit. Viele größere Geschäfte blieben zunächst geschlossen. Kleinere Lebensmittelläden hatten geöffnet.

Die Jugendbewegung 6. April will für Dienstag einen "Mega-Protest" organisieren. Sie wolle mehr als eine Million Menschen auf die Straße bringen, berichtete der arabische Fernsehsender Al Jazeera. Ziel sei es, Mubarak in die Knie zu zwingen. Seine Ankündigungen zu wirtschaftlichen und politischen Reformen gingen nicht weit genug.

Mittlerweile sind sechs Mitarbeiter von Al Jazeera wieder freigelassen worden. Die ägyptische Armee hatte sie am Montag festgenommen. Ihre Ausrüstung bleibt nach Angaben des Senders beschlagnahmt. Am vergangenen Sonntag hatten die ägyptischen Behörden das Kairoer Büro des Fernsehsenders geschlossen. Dieser musste daraufhin zeitweise seine von den Behörde kritisierte Live-Berichterstattung von Brennpunkten der Proteste einstellen.

Mubarak hatte am Sonntagabend die von ihm eingesetzte Regierung damit beauftragt, das politische System und die Verfassung umzugestalten. Es solle "künftig mehr Raum geben für die Beteiligung der Parteien am politischen Leben mit dem Ziel, eine freie demokratische Gesellschaft zu schaffen, wie dies alle Menschen wünschen", hieß es in einer Erklärung des Staatschefs. Zudem solle sich der neue Premier Ahmad Schafik um eine neue Wirtschaftspolitik kümmern.

Ob es dem Präsidenten damit gelingt, die Proteste gegen ihn zu ersticken, ist bislang offen. Schon in den vergangenen Tagen hatten in der ägyptischen Hauptstadt Tausende Menschen gegen Mubarak demonstriert. Ab diesem Montag haben die Behörden nun eine verlängerte Ausgangssperre verhängt. Künftig dürfen sich die Bürger bereits ab 15 Uhr am Nachmittag bis zum nächsten Morgen um 8 Uhr (14 bis 7 Uhr nach MESZ) nicht mehr auf den Straßen aufhalten.

Bereits in den vorangegangenen Nächten waren derlei Verfügungen allerdings kaum beachtet worden – weder von demonstrierenden Regimegegnern noch von Plünderern und Räubern, welche die Städte terrorisieren. In vielen Wohnvierteln haben die Anwohner Bürgerwehren gebildet, um sich und ihr Hab und Gut zu schützen. Ausländische Regierungen haben bereits damit begonnen, ihre Staatsbürger aus dem Land zu bringen. Auch mehr als 100 Deutsche befinden sich auf dem Weg zum Flughafen. Zuvor hatte bereits das Auswärtige Amt von Reisen nach Ägypten abgeraten.