Bei landesweiten Protesten gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak sind drei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt worden. Wie Sicherheitskreise am Dienstagabend berichteten, eröffnete die Polizei bei Krawallen in der Hafenstadt Suez das Feuer auf Demonstranten und tötete zwei Menschen. In Kairo erlag ein Polizist seinen Verletzungen, die er sich bei Ausschreitungen zugezogen hatte. Augenzeugen sprachen von den schwersten Krawallen seit Jahren.

Die Proteste in mindestens 16 Städten richteten sich gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und Menschenrechtsverletzungen. Auf Spruchbändern und in Graffiti an Brücken und Gebäuden forderten die Demonstranten: "Revolution statt Unterdrückung" und "Nieder mit Hosni Mubarak". "So etwas habe ich noch nie gesehen", sagte eine 24-Jährige, die nach eigenen Angaben erstmals an einer Protestaktion in Ägypten teilnahm. An früheren Aktionen der ägyptischen Opposition hatte sich immer nur eine kleine Minderheit beteiligt, obwohl eine größere Zahl von Ägyptern mit den Zielen der Regimekritiker sympathisiert.

Nach dem Umsturz in Tunesien beteiligten sich auch in Ägypten Zehntausende Menschen an den Demonstrationen, Hunderte wurden nach Angaben von Teilnehmern verletzt. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Plastikgeschosse ein. Auch ein Kameramann von Al Jazeera wurde von einem Plastikgeschoss getroffen, wie der arabische Fernsehsender in der Nacht berichtete.

Auf einem Platz im Herzen von Kairo trieben Sicherheitskräfte am frühen Mittwochmorgen die Demonstranten auseinander. Augenzeugen schilderten, viele Menschen seien blutüberströmt durch die Straßen der ägyptischen Hauptstadt gelaufen, andere seien bewusstlos zusammengebrochen. Dutzende Demonstranten wurden im ganzen Land festgenommen, wie Organisatoren berichteten.

"Wir sind ebenso viele, wie in Tunesien", hieß es in einer arabischen Erklärung einer Facebook-Gruppe mit dem Namen "Revolutionstag gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit". "Zehntausende sind auf die Straßen geströmt und haben ihr Recht eingefordert – bis zum Rückzug des Präsidenten und seiner Flucht aus dem Land."

Der Tunesier, der mit seiner Selbstverbrennung die Demonstrationen auslöste, die schließlich den Sturz von Präsident Ben Ali Sajn al-Abadin herbeiführten, habe die Tür zum Wandel für alle geöffnet, sagte ein Demonstrant in Kairo. Auch in Ägypten forderten die Menschen die Auflösung des Parlaments, den Aufbau demokratischer Strukturen und bessere Löhne.

Die Schulen und Behörden des Landes waren am Dienstag wegen eines Feiertages – dem "Fest der Polizei" – geschlossen. Die Organisatoren hatten ihren Aufruf zur Demonstration vor allem via E-Mail und über das soziale Netzwerk Facebook verbreitet. Der Internet-Kurznachrichtendienst Twitter wurde in Ägypten mittlerweile gesperrt, wie das Unternehmen bestätigte. Unter den Demonstranten waren Studenten, Parlamentarier, Anhänger der Muslimbruderschaft und Mitglieder der linken Protestgruppe "Kifaya" ("Genug").

Schwerpunkte der Aktionen waren Kairo, das Nildelta, Alexandria und die Sinai-Halbinsel. Die Proteste waren überall von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Innenminister Habib al-Adli hatte vorab durchblicken lassen, dass die Polizei kurzen Prozess machen werde, falls Eigentum zerstört werde oder die Sicherheit gefährdet sei.

Washington rief Kairo derweil zur Zurückhaltung auf. Das Weiße Haus erklärte, beide Seiten sollten keine Gewalt anwenden. Die Regierung solle auf Proteste friedlich antworten. Das ägyptische Volk habe das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Regierung solle den Bestrebungen des Volkes Rechnung tragen und politische, wirtschaftliche und soziale Reformen, die das Leben verbessern könnten, fortsetzen.