Ausgangssperre, Demonstrationsverbot, Festnahmen und Polizeigewalt: Die Machthaber in Ägypten gehen auch weiterhin brutal gegen die anhaltenden Proteste vor. Auch die politischen Forderungen der Demonstranten bleiben unbeantwortet. Das einzige Zugeständnis war eine Meldung der staatlichen Medien, nach der das Parlament am kommenden Sonntag über Maßnahmen zur Armutsbekämpfung debattieren soll, sowie über eine Anhebung des staatlichen Mindestlohnes und eine bessere Gesundheitsversorgung.

Die Führung sieht die Demonstrationen offenbar nicht als politische Herausforderung, sondern als Sicherheitsproblem. Sie warnte deshalb vor neuen Demonstrationen. Weitere Proteste und Kundgebungen würden nicht geduldet, die Teilnehmer würden sofort zur Rechenschaft gezogen, hieß es in einer von der amtlichen Nachrichtenagentur Mena verbreiteten Erklärung des Innenministeriums.

Das Regime schreckt dabei auch vor Gewalt gegen Journalisten nicht zurück. Wie die Organisation Reporter ohne Grenzen mitteilte, wurden in den vergangenen beiden Tagen rund 15 Journalisten von Polizei- und Sicherheitskräften angegriffen oder zeitweilig festgenommen. So wie die Demonstranten bekamen auch die Mitarbeiter etwa des Nachrichtensenders Al Jazeera, der Tageszeitung El Masri El Jum oder des Satellitendienstes Cairo News Company Polizeiknüppel, Gummigeschosse und Tränengasgranaten zu spüren.

Die Demonstranten wollen sich davon offenbar nicht einschüchtern lassen. Die Anführer der heftigsten Proteste gegen Präsident Hosni Mubarak seit dessen Amtsantritt vor 30 Jahren riefen zu neuen Versammlungen auf. "Geht nicht zur Arbeit, geht nicht in die Schule. Lasst uns alle Hand in Hand für unser Ägypten auf die Straße gehen", schrieb ein Aktivist auf Facebook. "Wir werden Millionen sein", hieß es. Treibende Kraft hinter vielen Kundgebungen ist die pro-demokratische "Bewegung des 6. April". Donnerstag werde "kein Urlaubstag werden", erklärte die Gruppe. "Die Aktion auf den Straßen wird weitergehen."

Am Vormittag kam es vor allem in der Küstenstadt Suez zu neuen Unruhen. Demonstranten sollen dort eine Polizeiwache angezündet haben. Das Gebäude sei mit Molotow-Cocktails angegriffen worden, berichtete ein Zeuge. Die Beamten hätten die Flucht ergriffen. Dutzende Menschen forderten zudem die Freilassung ihrer bei Demonstrationen festgenommenen Verwandten.

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Das Augenmerk richtet sich vor allem auf den Freitag. Die Bürger sollten nach dem Freitagsgebet von den Moscheen aus losmarschieren, forderte die Bewegung. Auch die Christen sollten nach dem Kirchgang auf die Straße gehen. Viele in der Opposition und viele Ägypter setzen ihre Hoffnung dabei auf Friedensnobelpreisträger, Mohamed ElBaradei. Der frühere IAEA-Chef und potenzielle Herausforderer von Mubarak bei der geplanten Präsidentenwahl im Herbst will an diesem Donnerstag nach Kairo zurückkehren und den Demonstrationen vorangehen.

In einem Beitrag für die US-Webseite The Daily Beast meldete sich der frühere Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde selbst zu Wort. "Die jungen Menschen in Ägypten haben keine Geduld mehr. Für sie gibt es nur eine Option: Einen Neuanfang", schrieb ElBaradei. In dieser Woche habe das ägyptische Volk die "Mauer der Angst" durchbrochen. "Und ist diese erst einmal zerstört, wird es für sie kein Halten mehr geben." Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters hat er Mubarak nun aufgefordert, "sich zur Ruhe zu setzen".

Die westlichen Verbündeten der ägyptischen Führung – allen voran die USA –  fürchten eine Ausweitung der Gewalt in dem Land selbst sowie in der gesamten Region. Sie appellierten deshalb an Mubarak, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen. Außenministerin Hillary Clinton äußerte sich in Washington unmissverständlich: "Ägypten hat jetzt eine wichtige Gelegenheit, politische, wirtschaftliche und soziale Reformen umzusetzen, um den legitimen Bedürfnissen und Interessen den ägyptischen Volkes zu entsprechen."

Mit Fundamentalkritik an den innenpolitischen Zuständen in Ägypten hielt sich die internationale Gemeinschaft lange zurück. Für den Westen wurde Mubarak zum wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt. Ägypten – neben Jordanien das einzige Land der Region, das diplomatische Beziehungen mit Israel unterhält – entwickelte sich im Nahen Osten zum einflussreichen Vermittler. Nach fast 30 Jahren Mubarak-Herrschaft ist das Land allerdings kein Modell mehr für die arabische Welt. Auch auf der internationalen Bühne hat der ägyptische Einfluss abgenommen.