Zum ersten Mal seit dem erzwungenen Rücktritt des sudanesischen Militärmachthabers Dschafar Numeiri im Jahr 1985 wurden ein arabischer Diktator und sein Regime durch das Volk gestürzt. Dieser entscheidende Wendepunkt in der modernen arabischen Welt zeigte erstmals, dass ganz normale Bürger nach Jahrzehnten der Ergebenheit und Fügsamkeit von den arabischen Polizeistaaten genug haben. Staaten, die von den westlichen Großmächten beständig unterstützt wurden.

Charakteristisch für die derzeitige Entwicklung ist, dass die von jungen Tunesiern zum Ausdruck gebrachte Frustration sich nicht auf Tunesien beschränkt ist, sondern mit sehr wenigen Ausnahmen Jugendliche und Erwachsene in der gesamten Region erfasst hat. Das ergibt sich aus neueren Umfragen, die Gallup für die in Doha (Qatar) ansässige Organisation Silatech in allen arabischen Ländern durchgeführt hat.

Demnach würden 30 Prozent der 15- bis 29-jährigen auswandern, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten; in Marokko, Jemen und Tunis sind es mehr als 40 Prozent. Nur 34 Prozent der jungen Araber – in Marokko sogar nur 18, in Ägypten 25 Prozent – glauben, dass die Wahlen in ihrem Land nicht manipuliert werden. In Ländern mit niedrigem Lebensstandard vertrauen lediglich 50 Prozent der jungen Leute der Regierung oder der Justiz, mancherorts sind es sogar nur 35 bis 40 Prozent, und nur 32 Prozent meinen, dass guter und bezahlbarer Wohnraum für sie erreichbar ist.

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In den kleineren reichen Golfstaaten dagegen ist die Unzufriedenheit wesentlich geringer; nur sechs Prozent der Befragten würde gern auswandern, gegenüber 30 Prozent in der ganzen Region, und 90 Prozent vertrauen ihrer Regierung, während das sonst nur 50 Prozent tun. Die Bürger der übrigen arabischen Welt beklagen sich nachdrücklich über steigende Preise und den Mangel an Arbeitsplätzen, Korruption, fehlende Bürger- und Menschenrechte und die Bevormundung der Bürger durch autokratische Regime.

Diese Verquickung von ausgeprägter ökonomischer Schwäche und Demütigung durch eine selbstherrliche Politik erklärt, warum die Tunesier explodiert sind. Und es erklärt auch, warum sie ihre Proteste solange fortsetzen, bis jede Spur vom früheren Regime verschwunden und durch eine glaubwürdige, auf Beteiligung und Verantwortlichkeit basierende politische Vertretung ersetzt ist.

Wieder einmal hat die tunesische Revolte uns vor Augen geführt, wie anfällig die Machtstrukturen in Polizeistaaten sind und wie leicht sie zusammenbrechen, sobald die Bürger sich den Soldaten entgegenstellen. Die meisten arabischen Regime sind ähnlich undemokratisch, manche sogar extrem autoritär. Andererseits wissen sie auch, wie man sich an der Macht hält und der öffentlichen Empörung durch kleine Anpassungsmaßnahmen zuvorkommt – etwa durch die Entscheidungen, die wir in den vergangenen zehn Tagen in mehreren arabischen Ländern gesehen haben: Preiserhöhungen wurden verschoben, Löhne und Gehälter erhöht. Der Druck der Basis wird durch präventive Maßnahmen des auf Machterhalt bedachten Regimes abgefedert.