Es ist ein Rekord in Europa. Seit nunmehr 224 Tagen ist Belgien ohne eine funktionierende Regierung. Im April 2010 war die Koalition unter Ministerpräsident Yves Leterme zerbrochen, der seitdem nur noch geschäftsführend im Amt ist. Nach den Neuwahlen im Juni scheiterten die insgesamt sieben Parteien aus dem Norden und Süden des Landes immer wieder am Streit zwischen Flamen und französischsprachigen Belgiern über eine Staatsreform.

Sieger der Parlamentswahlen vom 13. Juni 2010 war die Nationalistenpartei Flanderns (NVA), die langfristig ein unabhängiges Flandern und damit das Ende des heutigen Belgien will. Dem Chef der siegreichen Nationalistenpartei Flanderns, Bart De Wever, wird seit längerem vorgeworfen, an einer Regierungsbildung gar nicht ernsthaft interessiert zu sein.

Mehr als 30.000 Belgier haben nun mit einem Protestmarsch durch Brüssel ihre Unzufriedenheit über die politische Hängepartie in ihrem Land ausgedrückt. Sie verlangten von den Parteien, sich endlich auf eine Regierung zu einigen. "Was wollen wir? Wir wollen eine Regierung", skandierten die Demonstranten, darunter viele junge Leute.

Fünf junge Belgier im Alter von 20 bis 27 Jahren hatten über das Internet zur ersten großen Demonstration gegen die schwere politische Krise aufgerufen. Die fünf Studenten aus beiden Sprachgruppen wählten als Motto für ihren Protestmarsch "Schande". Die Organisatoren bezeichnen sich selbst als "politisch neutral".

Bei den Verhandlungen um eine Staatsreform spielen die Minderheitenrechte von Frankofonen in Flandern eine Hauptrolle. Daneben geht es um die Verlagerung von Kompetenzen auf die Gliedstaaten. Ein großer Streitpunkt sind die Finanzen, denn ein Teil der wohlhabenderen Flamen beklagt, sie müssten die Frankofonen durchfüttern.