Die EU hat verstanden. Mit einem ambitionierten Programm setzt sie sich für die Entwicklung der Demokratie in Tunesien ein. Sie hat dafür sogar einen Aktionsplan ausgearbeitet. Dieser "soll zum Erfolg der von Tunesien unternommenen Anstrengungen im Bereich der sozioökonomischen Modernisierung beitragen und gleichzeitig den Demokratisierungsprozess und die Achtung der Meinungs- und Vereinigungsfreiheit fördern", erklärt die EU-Kommission das Projekt stolz.

Datiert ist diese Verlautbarung allerdings auf den 11. Oktober 2005. Passiert ist seither – nichts. Nichts jedenfalls, was auf jenen Aktionsplan zurückzuführen wäre. Den großen Schritt Richtung Demokratie hat das tunesische Volk alleine unternommen, seinen Diktator hat es ohne fremde Hilfe gestürzt.

Von der EU hätte es dabei ohnehin keine Unterstützung erwarten dürfen. Die Europäer, die so gern ihre demokratischen Tugenden hochhalten, haben auch nach dem Aktionsplan von 2005 zugesehen, wie Sein al-Abidin Ben Ali seine Macht ausbaute, wie sein Clan das Land ausbeutete, wie der Diktator 2009 mit fast 90 Prozent der Stimmen ein fünftes Mal wiedergewählt wurde, wie das Regime kritische Journalisten mundtot machte.

Am Freitag, als Ben Ali nach Saudi-Arabien floh und klar war, dass in Tunesien eine neue Zeit beginnen würde, gab EU-Außenministerin Catherine Ashton ein dürres, sieben Zeilen kurzes Statement zur Lage ab. Auch Angela Merkel und Guido Westerwelle blieben vage und zurückhaltend .

Die EU, dieses komplexe Geflecht aus Brüsseler Institutionen, diplomatischer Zurückhaltung und vielerlei Einzelinteressen, hat sich im Umgang mit Freiheitsbewegungen schon immer schwer getan. Das war so bei der Grünen Bewegung in Iran, bei den Protesten der Uiguren, bei den Unabhängigkeitsbestrebungen in Tibet. Stets hielt sich die EU auffallend zurück. Und gern führte sie dafür vermeintlich gute Gründe an. Ein oft genannter lautet: Man könnte die Bewegung durch Einmischung gefährden, weil ihre Gegner die Parteinahme propagandistisch ausschlachten könnten.

Diese Argumentation war stets wohlfeil, vor allem in Bezug auf Tunesien. Denn tatsächlich lebte die EU ganz gut mit Ben Ali. Lieber ein starker Diktator als Islamisten. Lieber ein guter Geschäftspartner als chaotische Zustände. Lieber ein Regime, das auf Menschenrechte nicht viel gibt, als noch mehr verzweifelte Boatpeople im Mittelmeer. Berlusconi hofiert darum Gadhafi. Sarkozy tat es bis zuletzt mit Ben Ali.

Am Montagnachmittag immerhin, 36 Stunden nach dem historischen Sturz von Tunis, schien Ashton schließlich zu bemerken, welchen Job sie als Außenministerin hat: Sie verfasste eine für EU-Verhältnisse ungewohnt emotionale Sympathiebekundung an das tunesische Volk, versprach Hilfe bei den anstehenden Wahlen und Beistand beim Übergang zur Demokratie. Das ist ein Anfang, sofern diese Ankündigung nicht ebenso tatenlos verhallt wie der Aktionsplan von 2005.