Die Vorstellung, dass sich Europa zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Berliner Mauer als Festung einzuzäunen beginnt, ist unbehaglich. Hermetisch abgeriegelte Grenzen: das scheint nicht zum Selbstverständnis eines Europa zu passen, das die Schlagbäume in seinem Inneren weitgehend abgeschafft hat. Und nun will die griechische Regierung an der Grenze zur Türkei auch noch einen Zaun errichten – ähnlich dem, der die USA von Mexiko trennt. Kein Wunder, dass Athen damit Kritik erntet.

Bevor man aber den Plan in Bausch und Bogen verdammt, lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Niemand hat vor, die griechisch-türkische Grenze auf ihrer ganzen Länge von 206 Kilometern mit einem Zaun abzuriegeln. Es geht nur um jene zwölf Kilometer, wo die Grenze zwischen dem griechischen Orestiada und dem türkischen Edirne nicht dem Verlauf des Flusses Evros (Meric) folgt, sondern durch flaches Land verläuft.

Dies ist ein besonders neuralgischer Abschnitt: mehr als 100.000 illegale Einwanderer überquerten hier vergangenes Jahr die grüne Grenze. Neun von zehn Armutsflüchtlingen kommen auf diesem Weg in die EU. Die hier seit November eingesetzten 200 Beamten der EU-Grenzschutzagentur Frontex haben den Flüchtlingsstrom eindämmen, aber nicht stoppen können. Nun kommen Nacht für Nacht etwa 200 Migranten illegal über die Grenze, im vergangenen Sommer, vor dem Beginn des Frontex-Einsatzes, waren es bis zu 450.

Der Ansturm gilt Europa, aber die Griechen müssen mit ihm fertig werden und sind völlig überfordert. In den Auffanglagern an der Grenze herrschen unmenschliche Zustände. Bei den Behörden stapeln sich 45.000 Asylanträge, die teils seit Jahren unbearbeitet sind.

Der geplante Zaun könnte zwar helfen, diesen Abschnitt der Grenze tatsächlich "dicht" zu machen. Aber er wird das Problem nicht lösen. Der Flüchtlingsstrom wird nicht versiegen, sondern sich nur verlagern, zum Beispiel an jene Abschnitte, wo der Fluss die Grenze bildet, oder in die Ägäis. Ein fataler Verdrängungseffekt, denn bei der Überquerung des Evros und bei der Überfahrt zu den griechischen Ägäisinseln ertrinken jedes Jahr Dutzende Flüchtlinge, wenn die überladenen, altersschwachen Boote, mit denen sie die Schleuser auf die Reise schicken, sinken.