Plötzlich war er wieder da: Jean-Claude Duvalier, Haitis vor einem Vierteljahrhundert geschasster Diktator, war am Sonntag aus dem französischen Exil in den Karibikstaat zurückgekehrt. Nur drei Tage später eröffneten die Behörden ein Ermittlungsverfahren gegen ihn – wegen Korruption und Veruntreuung. Nun rätseln die Menschen, mit welchen Ambitionen der 59-Jährige seine Heimat wieder betreten hat, wovor ihn offenbar weder Festnahme noch Anklage nicht haben abhalten können.

Vertraute Duvaliers haben auf diese Frage eine klare Antwort: Der als "Baby Doc" bekannte Duvalier möchte zurück an die Staatsspitze. Sein Sprecher Henry Robert Sterlin forderte, es müsse "alles auf den Kopf gestellt" werden, damit der erste Wahlgang der Präsidentschaftswahlen von Ende November annulliert werde. Dann müsse es Neuwahlen unter Beteiligung Duvaliers geben.

In einer Erklärung wies Duvalier "alle politischen Stellungnahmen" seiner Getreuen zurück, die "auf Szenarien im Zusammenhang mit dem Wahlprozess anspielen". Er schloss aber nicht aus, künftig eine politische Rolle in Haiti zu übernehmen. Ähnlich äußerte sich sein Anwalt Reynold Georges. Duvalier werde "für immer" in Haiti bleiben und sich in die Politik einbringen. Das sei "sein Recht". Zugleich protestierte Georges gegen die Ermittlungen, da die Straftaten bereits verjährt seien.

Duvalier war am Sonntag überraschend aus dem französischen Exil zurückgekehrt. "Baby Doc" hatte 1971 im Alter von 19 Jahren die Macht in Haiti von seinem Vater François "Papa Doc" Duvalier geerbt. Bis zu seinem Sturz 1986 soll er mit seinen Getreuen Hunderte Millionen Dollar an Staatsgeldern veruntreut haben. Die dem Duvalier-Clan treu ergebene Geheimpolizei Tonton Macoutes soll bis zu 30.000 Regierungskritiker entführt, gefoltert und ermordet haben.

Inzwischen bekundete auch der im südafrikanischen Exil lebende Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide sein Interesse, nach Haiti zurückzukehren. "Das haitianische Volk hat nicht aufgehört, meine Rückkehr zu fordern." Er sei bereit, "heute, morgen oder zu jedem Zeitpunkt" wieder in seine Heimat zu kommen.

Aristide war Haitis erster gewählter Präsident und ist insbesondere bei den ärmsten Haitianern beliebt. Die Opposition warf ihm während seiner zweiten Amtszeit "mafiöse Entgleisungen" vor, im Jahr 2004 wurde er gestürzt. Nach Angaben von Menschenrechtlern hatte die haitianische Regierung es zuletzt abgelehnt, Aristide einen neuen Pass auszustellen.

Haiti war vor einem Jahr von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden, bei dem rund 250.000 Menschen getötet wurden. Der Wiederaufbau kommt kaum voran, Mitte Oktober brach in dem Karibikstaat auch noch die Cholera aus, an der offiziellen Angaben zufolge bislang 3889 Menschen gestorben sind. Daneben steckt das Land in einer tiefen politischen Krise: Der umstrittene Ausgang des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahl hatte gewalttätige Proteste ausgelöst und zu einer Verschiebung der Stichwahl auf unbestimmte Zeit geführt. Experten der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) stellten massiven Wahlbetrug fest.