Haitis Regierungspartei will den Weg aus der seit Wochen andauernden politischen Krise frei machen: Ihr Präsidentschaftskandidat Jude Célestin solle nicht mehr bei der Stichwahl antreten, teilte die Partei Inité mit. Sie reagierte damit auf Betrugsvorwürfe beim ersten Wahlgang Ende November.

"Auch wenn wir sicher sind, dass Jude Célestin die notwendige Stimmenzahl erhalten hat und er daher zur zweiten Runde zugelassen ist, ist Inité einverstanden, ihn als Präsidentschaftskandidaten zurückzuziehen", erklärte die Regierungspartei in Port-au-Prince. Sie rief ihre Anhänger auf, sich in der zweiten Wahlrunde auf das Erringen von Parlamentssitzen zu konzentrieren.

Bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und in den USA hat die Ankündigung positive Reaktionen ausgelöst. Der stellvertretende OAS-Generalsekretär Albert Ramdin, erklärte in Washington, die Entscheidung schaffe "Klarheit" vor dem Ende des Mandats von Haitis derzeitigem Staatschef René Préval am 7. Februar. US-Außenamtssprecher Philip Crowley sagte, Washington vertrete die Position, dass die haitianische Regierung die Schlussfolgerungen der OAS annehmen und zur Stichwahl voranschreiten solle.

Célestin unterzeichnete die Erklärung seiner Partei allerdings nicht und gab zunächst keine Stellungnahme zu der Entscheidung seiner Partei ab. Aus Parteikreisen erfuhr die Nachrichtenagentur AFP, dass Célestin einen Verzicht auf die Kandidatur ablehne und eine Pressekonferenz angedroht habe, um die Ankündigung seiner Partei zurückzuweisen.

Die offiziellen Ergebnisse des ersten Wahlgangs Ende November hatten teils gewalttätige Proteste ausgelöst. Die OAS stellte in einer Überprüfung Wahlfälschungen fest und empfahl den Ausschluss des Regierungskandidaten Célestin vom zweiten Wahlgang. Stattdessen habe sich der offiziell drittplatzierte Kandidat Michel Martelly für die Stichwahl qualifiziert. Eindeutig zugelassen zur Stichwahl ist die frühere Präsidentengattin Mirlande Manigat, die im ersten Durchgang die meisten Stimmen erhalten hatte. In den vergangenen Tagen hatte der internationale Druck auf den scheidenden Präsidenten René Préval zugenommen, den Empfehlungen der OAS nachzukommen.

Wegen des Streits um den Ausgang der ersten Wahlrunde war die Stichwahl auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die politische Hängepartie hat die Krise in dem ärmsten Land der westlichen Welt verschärft. Vor einem Jahr wurde Haiti von einem Erdbeben verwüstet, es ist auf internationale Hilfe angewiesen, um die rund zehn Millionen Einwohner zu ernähren. Seit dem Herbst kämpft der Karibikstaat zudem mit dem Ausbruch der Cholera.

Sorgen bereitete zuletzt auch die Rückkehr des früheren Diktators Jean-Claude Duvalier alias "Baby Doc", der das Land in den siebziger und achtziger Jahren mit harter Hand regierte. Gegen Duvalier laufen in Haiti aktuell Ermittlungen wegen Korruption und Veruntreuung, außerdem werden ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.