"Es müssen schon Hunderttausend Demonstranten sein" – Seite 1

ZEIT ONLINE : Werden es die Demonstranten in Ägypten schaffen, Staatschef Mubarak stürzen?

Asiem El Difraoui: Das ist schwer zu sagen. Aber ich denke schon, es müssen noch mehr Menschen auf die Straße gehen. Ägypten hat 80 Millionen Einwohner. Bisher demonstrierten lediglich Zehntausende Menschen. Ich denke, es müssen schon Hunderttausend Demonstranten sein, um den Staatschef und sein System richtig unter Druck zu setzen. Hinzu kommt: Die meisten Polizisten sind Wehrpflichtige. Wenn sie sich weigern, auf Demonstranten zu schießen, könnte es eng werden für Mubarak.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Demonstranten?

El Difraoui : Ich habe das Gefühl, dass es sich vor allem um junge Männer aus der unteren Mittelschicht handelt. Sie sind bereit, Gefahren einzugehen und sich mit der Polizei auseinanderzusetzen.

ZEIT ONLINE : Angenommen, Mubarak flieht oder tritt zurück. Fällt dann sein gesamtes Regime?

El Difraoui : Der Klientelstaat in Ägypten ist seit Jahrzehnten gewachsen. Er wird sich nicht so einfach auseinanderdividieren lassen. Es ist daher wahrscheinlich, dass auch ein Nachfolger von Mubarak zunächst mit den großen Klientelgruppen verhandelt. Auch die ägyptischen Multimilliardäre werden mitsprechen wollen. Eine gewisse Stabilität ist übrigens auch im Interesse Ägyptens. Der Tourismus ist für das Land eine enorm wichtige Einnahmequelle, auf die niemand verzichten will. Auch nach einem Sturz Mubaraks wird sich vielleicht zunächst nicht fundamental viel ändern. Aber es gibt Hoffnung auf mehr Demokratie.

ZEIT ONLINE: Wie ist die ägyptische Opposition aufgestellt? Hat der frühere Chef der UN-Atomenergiebehörde Mohamed ElBaradei Führungsqualitäten?

El Difraoui: Bei ElBaradei stellt sich die Frage, ob er genügend Charisma hat. Er ist ja kein populärer Revolutionsheld und Oppositionsführer gewesen. Interessant ist jedenfalls, dass die Muslimbrüderschaft als stärkste Oppositionsgruppe mit ihm zusammenarbeiten will. Ob sich aber die liberalen Parteien um ElBaradei und die Muslimbruderschaft später koordinieren können, bleibt fraglich.

ZEIT ONLINE : Sind noch andere Namen im Gespräch?

El Difraoui: Der heutige Chef der Arabischen Liga und frühere ägyptische Außenminister Amr Mussa ist zum Beispiel beim Volk extrem beliebt. Interessant ist auch, was in der Mittelschicht passiert. Was ist mit den Anwaltsvereinen, den Ärzten? Zwar ist die Mittelschicht in Ägypten nicht so groß, aber auch dort gibt es hochqualifizierte Leute, die schnell eine Alternative für Mubarak werden könnten. Auch Exil-Ägypter kommen in Frage.

 "Die Europäer müssen bereit sein mit dem politischen Islam zu kooperieren"

ZEIT ONLINE : Wie sind die Muslimbrüder einzuschätzen?

El Difraoui: Es handelt sich um eine riesige Volksbewegung. Unter den Muslimbrüdern sind Vertreter eines ganz gemäßigten Islam nach türkischem Vorbild bis hin zu radikaleren Gruppen. Sie sind auch untereinander gespalten: Einige wollen einen demokratischen Staat, andere einen religiösen, islamischen Staat. In Europa müssen wir natürlich genau beobachten, in welche Richtung sich das Bündnis entwickeln würde. Klar ist jedenfalls: Auch die Europäer müssen bereit sein mit dem politischen Islam zu kooperieren, wenn er demokratische Ansätze verfolgt. Mubarak hat auch aus Gründen der eigenen Machtsicherung immer das Schreckgespenst des Islamismus an die Wand gemalt.

ZEIT ONLINE : In den USA ist man besorgt, dass ein Sturz des wichtigen Partners Mubarak den Nahost-Friedensprozess beeinträchtigen könnte. Wie sehen Sie das?

El Difraoui: Ich glaube nicht, dass eine neue Regierung auf Konfrontationskurs zu Israel gehen würde. Die Ägypter wollen einfach besser und freier leben.