ZEIT ONLINE : Wer lenkt das Geschehen auf den Straßen von Ägypten? Wer führt die Demonstranten?

Noha Atef : Was die Demonstrationen antreibt, ist die Wut des Volkes. Bereits in den vergangenen Jahren gab es Hunderte von Streiks und Protesten in Ägypten. Der Aufruf kommt stets von unabhängigen Aktivisten. Sie nutzen vor allem Facebook, um die Menschen zu mobilisieren. Und weil die Polizei so hart zurückgeschlagen hat, hat sich die Wut der Teilnehmenden verdoppelt. Die Menschen sind wütender als je zuvor.

ZEIT ONLINE: Gibt es in Ägypten eine lebendige Opposition?

Atef: Die meisten Demonstranten, die Sie im Fernsehen sehen, sind nicht in einer Partei aktiv. Sie haben kein Vertrauen in die Politik, denn auch die sogenannten Oppositionsparteien sind oft nur Marionetten in den Händen des Regimes. Die Parteien, die wahrhaft Opposition machen wollen, wurden bisher in ihrer Arbeit behindert.

ZEIT ONLINE: In Europa setzen viele Menschen ihre Hoffnungen in Oppositionsführer Mohamed ElBaradei. Wie beliebt ist er in Ägypten?

Atef: Mohamed ElBaradei wird vom Volk lediglich als Übergangspräsident angesehen. Er war einfach zu lange nicht im Land und damit nicht Teil des ägyptischen Alltags. Zudem sind die Menschen verärgert, weil er nach den Anschlägen auf die koptische Kirche in Alexandria keine Präsenz gezeigt hat.

ZEIT ONLINE: Müssen die Demonstranten Angst vor dem ägyptischen Militär haben?

Atef: Meine Generation glaubt, dass die Armee das Volk schützt. Ich bin davon überzeugt, dass die Soldaten, die in ihren Panzern die Demonstranten begleiten, niemanden erschießen werden. Denn die Demonstranten hören auch auf ihre Anweisungen. Allerdings weiß ich nicht, ob man der militärischen Führung vertrauen kann. Den einfachen Soldaten jedoch schon. Die Polizei hingegen ist in Ägypten verhasst. Sie beleidigt die Menschen, misshandelt sie und erpresst Geld von ihnen.

ZEIT ONLINE: Was erwartet die ägyptische Bevölkerung von Europa und den USA?

Atef: Ganz offen gesagt, wir Ägypter erwarten von niemandem Unterstützung – außer von unserem Volk. Aber wenn uns eine andere arabische Nation oder der Westen unterstützt, freuen wir uns natürlich. Menschen auf der ganzen Welt zeigen sich im Moment solidarisch mit uns. Als das ägyptische Internet zusammengebrochen ist, haben uns viele ihre Internetpasswörter zur Verfügung gestellt oder sie haben E-Mails für uns weitergeleitet. So konnten wir in Kontakt bleiben. Es ist fantastisch, all die Unterstützungsnachrichten auf Facebook zu sehen. 

ZEIT ONLINE: Im Westen werden die Volksaufstände in Nordafrika und im Nahen Osten auch skeptisch gesehen. Können Sie die Angst vor aufkeimendem Islamismus nachvollziehen?

Atef: Diese Angst wurde vor allem von Diktatoren wie Mubarak oder Ben Ali geschürt. Die Islamisten sind überhaupt nicht beliebt in Ägypten! Die Menschen in meinem Land sind religiös, aber nicht islamistisch!

ZEIT ONLINE: Wovor haben die Ägypter im Moment am meisten Angst?

Atef : Ich glaube, dass meine Landsleute im Moment vor nichts Angst haben, denn was sollte schon schrecklicher sein als dieses furchtbare Staatssicherheitssystem? Jetzt greifen sie nicht nur dieses an, sondern auch denjenigen an der Spitze der Macht, den Präsidenten selbst.