Das alte Ägypten braucht mehr als wohlgesinnte Götter. Panzer manövrieren mit röhrenden Motoren vor dem Ägyptischen Museum . Im Garten zwischen Ramses-Statuen, pharaonischen Reliefs und Tempelsäulen patrouillieren Elitesoldaten mit Schnellfeuergewehren. Auf dem Dach hocken Scharfschützen, die weitere Angriffe von Plünderern auf die unersetzlichen Schätze verhindern sollen.

Auf den Gängen im ersten Stock liegen zerbrochene Statuen auf dem Boden, Holzfiguren sind aus den 3000 Jahre alten Totenbarken herausgebrochen, Vitrinen zertrümmert, zwei Mumien wurde der Kopf abgerissen. Mehrere Amulette fehlen nach einer ersten Bilanz, sogar an Götterfiguren aus dem legendären Schatz des Tutanchamun haben sich die Plünderer vergangen.

Dass der Museumssturm in Kairo nicht in der Katastrophe von Bagdad endete, verdankt Ägypten seinen beherzten Demonstranten, die sofort eine Menschenkette um das Museumsgelände bildeten und die Armee zur Hilfe riefen. Einige der Täter sitzen jetzt hinter Gittern, andere konnten entkommen – alle waren beim Ägyptischen Museum angestellte Wächter.

Seit Tagen schon zeigen Fernsehsender Bilder aus Ägypten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Auf den Nilbrücken, an einigen Straßenkreuzungen nahe dem Tahrir-Platz kurven die Autofahrer hupend und fluchend um die ausgebrannten Mannschaftswagen der Sonderpolizei herum. Die verkohlten Iveco-Gefährte mit ihren typischen vier Gitterfenstern auf beiden Seiten sind für die Menschen der Inbegriff der staatlichen Unterdrückung. Die Prügelpolizisten wurden damit zum Einsatz transportiert und gefangene Demonstranten wieder mitgenommen.

Und auch am Samstag und Sonntag sammelten sich wieder tausende Menschen auf dem Platz der Befreiung, darunter auch solche wie Ahmed Issaid, der aus eigener Initiative das Schlachtfeld der vergangenen Tage aufräumen will. Ahmed Issaid ist Arzt und hat kohlrabenschwarze Hände. Mit einem Besen fegt er auf der Meret-Straße Scherben und Asche zusammen. "Wir sind stolz auf unser Land, wir wollen es nicht zerstören", sagt er. "Aber wir wollen nicht mehr so weiterleben wie bisher." Eine Gruppe junger Helfer schleppt volle Müllsäcke davon. Andere schieben die Trümmer einer flachen Straßenmauer zusammen, aus der sich Demonstranten ihre Wurfgeschosse herausgebrochen hatten.

Die schreckliche Bilanz bisher – mehr als 150 Tote und nahezu 2000 Verletzte im ganzen Land. Egypt Air hat die meisten Flüge eingestellt, tausende Menschen sitzen in den Terminals fest. Auf den Straßen zum Flughafen rauben Wegelagerer Reisende aus. USA und Deutschland haben begonnen, ihre Staatsbürger aus dem Land zu bringen. Selbst durch Luxor mit seinen prächtigen Tempelruinen rollen jetzt die Panzer. 60 Polizeistationen im ganzen Land gingen bisher in Flammen auf, 17 davon allein in Kairo. Was davon politischer Protest und was reine Zerstörungswut ist, geht im Chaos der Ereignisse unter. Die öffentliche Ordnung jedenfalls steht vor dem Kollaps.

Bis in die frühen Morgenstunden hallen in Kairo Wohnviertel Schreie und Schüsse durch die nächtlichen Straßen. Überall sind Plünderer unterwegs, das staatliche Fernsehen blendet zwei Notrufnummern ein, die ständig besetzt sind. Viele Geschäfte in der Einkaufsstraße Gamit Ad-Dawal im wohlhabenden Mohandessin, wo viele westliche Marken ihre Filialen haben, wurden von Vandalen verwüstet. In Heliopolis räumten sie ein Krebskrankenhaus bis auf den letzten Stuhl leer. Selbst auf dem Gelände der renommierten Nasser-Offiziersakademie in Dokki versuchten Gangster mehrmals während der Nacht, an die Waffenlager heranzukommen. In allen Teilen der 20-Millionen-Metropole organisierten Anwohner mit Knüppeln, Ketten und Schlachtermessern bewaffnete Bürgerwehren – ausdrücklich per Fernsehaufruf ermutigt von der Armeeführung, die sich bisher nicht in der Lage sieht, den flächendeckenden Raubzügen Einhalt zu gebieten.