Für Nachbarn erhielt Gross auch in Wissenschaftskreisen Lob und Anerkennung. 2006 legte er dann aber mit einem sehr viel umstritteneren Essay nach. In Angst machte der Soziologe die Pogrome in Kielce, Krakau und anderen Orten, die polnische Bürger nach Kriegsende an überlebenden Juden verübt hatten, zum Ausgangspunkt für eine Generalabrechnung mit seinen Landsleuten. In dem Buch, das zunächst nur auf Englisch in den USA erschien, vertrat er die These einer Mitwisserschaft breiter Bevölkerungskreise.

Seither gilt Gross in seiner Heimat als Nestbeschmutzer. Die Politik reagierte sogar mit einer Verschärfung des Strafrechts auf die Publikation von Angst . Eine "Lex Gross" drohte zunächst jedem eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren an, der "öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt". Erst anderthalb Jahre später kassierte das Verfassungsgericht den umstrittenen Paragrafen.

Gross' Gegner unterstellen ihm einen persönlichen Rachefeldzug. Er hege aufgrund seiner Biografie einen regelrechten Hass auf alles Polnische. Die Kritiker spielen damit auf zwei Eckpunkte der Biografie des Soziologen an. Die Nazis hatten den ersten Ehemann seiner Mutter Hanna ermordet, weil er Jude war – denunziert hatte ihn zuvor ein Pole. Später versteckte Hanna selbst Juden vor dem mörderischen Zugriff der SS. Einen von ihnen heiratete sie, 1947 wurde Jan Tomasz geboren. Ihm wird der Ausspruch zugeschrieben, er sei ein lebender Beweis dafür, "dass es in Polen möglich war, Juden zu retten".

Vor diesem Hintergrund war "die Entdeckung, dass seine Landsleute Juden nicht nur in Einzelfällen an die Nazis verkauft haben, für Jan ein Schock", berichtete später eine Freundin der Familie. Nach der antikommunistischen Revolte in Polen im Jahr 1968, deren Niederschlagung mit Gewaltexzessen gegen Juden einherging, verließ Gross seine Heimat und emigrierte in die USA.

Doch abseits aller Personalisierung und Skandalisierung hat die Debatte um das neue Gross-Buch auch eine seriöse Dimension. In der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechni war zu lesen: "Möge Goldene Ernte für uns zu einer schockierenden, aber reinigenden Lektüre werden." Präsidentenberater Nalecz hält es für wichtig, die Polen vor dem Pauschalvorwurf zu verteidigen, sie hätten durchweg vom Holocaust profitiert. "Es gab am Ende des Krieges eine moralische Verrohung, aber das war kein Massenphänomen."

Das sieht Tomasz Lis, einer der populärsten polnischen Publizisten, kritischer: "Selbst die offensichtlichen wissenschaftlichen Unzulänglichkeiten des Gross-Buches dürfen für uns kein Alibi sein, vor schmerzhaften Antworten auf sehr schwierige Fragen wegzulaufen", schrieb er in der Zeitschrift Wprost und fügte hinzu: "Es ist Zeit für uns, endlich erwachsen zu werden und uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass wir nicht immer nur die Opfer waren."

Anmerkung:  In der ursprünglichen Version des Textes hieß es, die "Lex Gross" sei nach wie vor in Kraft. Wir haben den Fehler korrigiert.