Tausende strömen an die Wahlurnen, überall aus dem Sudan kehren Flüchtlinge in den Süden zurück, um die Geschicke ihrer Heimat mitzugestalten: Seit Sonntag läuft das Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudans – in den meisten Regionen auch friedlich. Entlang der Grenze zum nördlichen Teil des Landes, der von der Regierung in Khartum kontrolliert wird, kommt es aber immer wieder zu tödlichen Kämpfen und Überfällen. Immer wieder werden dort die Menschen daran gehindert, in den Süden zu reisen, um ihre Stimme abzugeben.

Diese Zusammenstöße lösten nun auch im fernen New York Besorgnis aus. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die tödlichen Übergriffe und forderte die politischen Führer des Landes – sowohl die Nationale Kongresspartei (NCP) im Norden als auch die südsudanesische SPLM-Partei – auf, Ruhe zu bewahren. Um eine weitere Eskalation zu verhindern, wollen auch die Vereinten Nationen ihren Beitrag leisten: Die UN-Friedensmission habe inzwischen mehr Patrouillen eingesetzt, sagte Ban.

Bei dem jüngsten Anschlag an der Grenze zwischen den Regionen Süd-Kordofan und Bahr al Ghazal wurden zehn Sudanesen getötet und 18 weitere verletzt. Nach Angaben des südsudanesischen Innenministers Gier Chuang gehören die Angreifer zum arabischen Misserija-Stamm, die den Konvoi, bestehend aus 30 Bussen und sieben Lastwagen, beschossen und geplündert haben. Chuang machte indirekt die sudanesische Führung in Khartum für die Tat mitverantwortlich.

Die Misserija "gehören zu einem Staat, und dieser Staat muss für sie Verantwortung übernehmen", sagte er. Der arabische Nomadenstamm hatte während des Bürgerkriegs zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden des Sudan auf Seiten des Nordens gekämpft. Die Misserija kontrollieren einen Großteil von Süd-Kordofan und erheben Anspruch auf die Region Abjei, die an den Südsudan grenzt.

Beobachter hatten immer wieder die Befürchtung geäußert, dass die Volksabstimmung wegen ungeklärter Grenzfragen neue Gewalt auslösen könnte. Bereits Ende vergangener Woche waren bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in der umstrittenen Grenzregion Abyei etwa 30 Menschen getötet worden.

Die einwöchige Volksabstimmung, bei der noch immer großer Andrang herrscht, ist Teil eines Ende 2005 unterzeichneten Friedensabkommens, das den mehr als zwanzigjährigen Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd beenden soll. Erste Ergebnisse werden Anfang Februar erwartet.  Es gilt als sicher, dass die knapp vier Millionen wahlberechtigten Bürger des armen, aber rohstoffreichen Südens für ihre Unabhängigkeit votieren. Damit das Ergebnis gültig ist, müssen 60 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgeben.