Jahrzehnte lang fühlten sie sich als Menschen zweiter Klasse diskriminiert, nun haben die Südsudanesen ein klares Zeichen gesetzt: Sie wollen einen unabhängigen Staat. Fast 99 Prozent der knapp vier Millionen Wähler stimmten in der historischen Volksabstimmung vom 9. bis 15. Januar für einen unabhängigen Südsudan. Für den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir wird die absehbare Teilung des Landes immer mehr zum Problem.

Das vorläufige Endergebnis wurde ausgerechnet am ersten Tag des Gipfels der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba bekannt gegeben. Das Treffen der Staats- und Regierungschefs steht unter dem Motto "Mehr Einheit durch gemeinsame Werte". Dass es der letzte Gipfel mit einem geeinten Sudan ist, war eigentlich schon klar. Der bisher größte Staat Afrikas steht vor der Spaltung.

Beim Referendum herrschte Volksfeststimmung, nun bemüht sich die südsudanesische Regierung, die Gefühle des Nordens nicht noch mehr zu verletzen. Salva Kiir, der Präsident des bisher teilweise autonomen Südens, wies die Armee an, auf Freudensalven zu verzichten. Auch laute Jubelfeiern sollten bis zur Geburtsstunde des neuesten Staates Afrikas im Juli möglichst ausbleiben.

Bei der Vorstellung der vorläufigen Ergebnisse unterstrich Mohamed Ibrahim Khalil, der Vorsitzende der Referendumskommission, die historischen Beziehungen zwischen Nord und Süd. "Diese unauflöslichen Beziehungen werden nicht verschwinden, sondern sich wandeln. Wir werden über persönliche Vorurteile und politische Wirren hinauswachsen."

In der vergangenen Woche kam Kiir zum ersten Mal seit der Volksabstimmung in Khartum mit al-Baschir zusammen. Letzterer hatte bereits vor der Abstimmung zugesichert, der Norden werde die Entscheidung der Südsudanesen respektieren und eine gute Zusammenarbeit mit dem Süden anstreben.

Überraschend kommt das Votum der Südsudanesen nicht. Zu lange fühlten sie sich im eigenen Land als Bürger zweiter Klasse, als Schwarzafrikaner von den arabischstämmigen Politikern des Nordens benachteiligt und diskriminiert. Selbst Oppositionsparteien im Norden rügen, die Regierung von Präsident Omar al-Baschir habe nicht genug unternommen, um den Menschen im Süden die Einheit des bisher größten Landes Afrikas schmackhaft zu machen.

Nun bläst al-Baschir, der für die absehbare Teilung des Landes verantwortlich gemacht wird, ein zunehmend scharfer Wind ins Gesicht. Er wird massiv von der Opposition bedrängt. Preissteigerungen und Sparmaßnahmen, die die Regierung in Khartum mit Blick auf die absehbaren Einnahmeverluste nach dem Wegfall der Ölquellen im Südsudan einleitete, sorgen in der Bevölkerung für Unmut. "Man sieht, dass Baschir das Wasser bis zum Hals steht", ist aus Kreisen ausländischer Diplomaten zu hören. Die Parteigänger al-Baschirs seien zunehmend verunsichert.

Im Norden brodelt es. Über soziale Netzwerke haben Regierungsgegner zu Demonstrationen aufgerufen. "Es ist an der Zeit, dass wir unsere gottgegebene Stimme nutzen, um gegen eine ungerechte Regierung zu demonstrieren, die bereit ist, ihr Volk und ihr Land zu opfern, um an der Macht zu bleiben", heißt es in dem Facebook-Aufruf zu Kundgebungen am Sonntag. "Es ist an der Zeit, dass wir für unsere Rechte kämpfen, so wie unsere Brüder in Tunesien und Ägypten."