Etwa 90 Prozent aller Medienbeiträge zum Warum des Tucson-Massakers sind sich einig: Das "Klima des Hasses" hat die Hand gelenkt, welche die Glock-Automatik hielt, mit der Jared Loughner sechs Menschen erschossen hat. Allein auf Englisch finden sich bei Google 41.000 Einträge unter " Climate of Hate + 2011 ". Sozusagen Meteorologie statt Methodologie: Die Meinung kam sofort, die Recherche später.

Und die müsste unser Gewerbe genauso nachdenklich machen, wie es solche Attentate rings um die Welt hätten tun müssen – spätestens seit jenem Kölner Schulmassaker von 1964, als ein Durchgedrehter zehn Menschen mit einem selbst gebastelten Flammenwerfer umbrachte. Wer die lange Liste durchgeht – in Amerika und Deutschland, in Finnland, Großbritannien und Japan – stößt stets auf das gleiche Muster. Das Verbrechen war nicht dem politischen Klima, der Ideologie oder den Gewaltvideos geschuldet, sondern der gestörten Psyche und entrückten Existenz des Täters.

Jared Loughner, 22, ist ein geradezu perfektes Beispiel für das klassische Täterprofil, das sich aus Verletzung und Erkrankung, Realitätsflucht und Wahn zusammensetzt. Das bislang beste Mosaik hat gerade die Washington Post zusammengestellt, fünf Tage nach den ersten publizistischen Schnellschüssen. Sie hat Freunde, Verwandte, Kommilitonen und Nachbarn befragt, seine Hinterlassenschaft im Netz durchforstet. Hauptfazit: Es gibt "keine Belege dafür, dass die Politik und die Regierung zu den beherrschenden oder nachhaltigen Obsessionen gehörten".

Der Abstieg in den Wahn durchzieht zwar Loughners Biografie wie eine lange Zündschnur. Aber man konnte – oder wollte – sie nur im Nachhinein glimmen sehen. "Ich hätte mir gewünscht", sagt die Mutter eines Schulfreundes, "dass die Leute genauer hingesehen, ihm Hilfe angeboten hätten."

Am Anfang stand ein Vater, der sich andauernd mit seinen Nachbarn anlegte – so lang, bis diese ihren Kindern den Verkehr mit den Loughners untersagten. Eine Verwandte berichtet von "Geisteskrankheiten in der Familie" – von dem, "was man heute bipolare Störung nennt".

Der junge Jared schien sich zunächst ganz normal zu entwickeln. Sein "psychischer Absturz", erinnert sich ein Schulkamerad, kam in der zehnten Klasse – lange vor Obama und Sarah Palin. Er wurde zum outcast – zum Ausgestoßenen. Ein Jahr später kommt es zur ersten Konfrontation mit der Polizei. Dann der Schulabbruch, der Umstieg von Alkohol zu Drogen. Zwei Festnahmen ohne Haft, aber was in der Polizeiakte stand, reichte aus, um den Weg in die Armee zu versperren. Arbeitgeber wollten deshalb auch nichts mehr von ihm wissen.

Der letzte Versuch ist das Pima Community College, die Vorstufe zum Bachelor. Wieder Zusammenstöße mit der Ordnungsmacht, der Campus-Polizei. Wieder und wieder wird er auffällig. Im Mathe-Test konstruiert er eine bizarre Gleichung: "Essen + Schlafen + Zahnbürsten = Mathematik." Und "SCHLACHTFEST".