Nach dem Sturz des tunesischen Präsidenten Sein al-Abidin Ben Ali bleibt die Lage in Tunesien angespannt. In der Hauptstadt Tunis kam es zu Gefechten zwischen Anhängern des abgesetzten Machthabers und der Polizei. Berichte, wonach vier bewaffnete Deutsche in Tunis festgenommen wurden, konnten das Auswärtige Amt in Berlin zunächst nicht bestätigen.

Die Armee fasste den ehemaligen Sicherheitschef des Präsidenten und weitere Mitglieder seiner Leibgarde. Ihnen wird vorgeworfen, für Angriffe auf die Armee und die zahlreichen Plünderungen verantwortlich zu sein. Ein Neffe Ben Alis wurde nach einem Angriff auf Polizisten zusammen mit weiteren zehn Menschen im zentraltunesischen Msaken gefasst.

Die neuen Machthaber und das Militär bemühten sich bis in die Nacht, die Lage im Land unter Kontrolle zu bekommen. In Tunis waren auch am Abend trotz der Ausgangssperre erneut Schüsse zu hören.

Am Sonntagnachmittag fielen Schüsse im Zentrum der Hauptstadt Tunis. Milizionäre eröffneten in unmittelbarer Nähe des Innenministeriums aus Häusern heraus das Feuer auf die Polizei. Nach Angaben der Armee wurden zwei der Heckenschützen erschossen. Bereits zuvor war es vor dem Sitz der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei (PDP) zu einem Schusswechsel gekommen, als Polizisten ein Taxi mit bewaffneten Insassen anhielten.

Nach dem Vorfall vor der PDP-Zentrale durchsuchten Sicherheitskräfte systematisch Taxis nach bewaffneten Anhängern Ben Alis. Dabei wurden nach Angaben der Polizei rund 300 Meter von der PDP-Zentrale entfernt drei Taxis mit einer Gruppe bewaffneter Ausländer festgenommen, darunter angeblich auch vier Deutsche. Die Taxifahrer sagten, ihre Kunden wollten zur Jagd. Das Auswärtige Amt in Berlin konnte die Festnahmen zunächst nicht bestätigen.

Zu weiteren Gefechten soll es einem Fernsehsender zufolge in der Nähe der Zentralbank in Tunis gekommen sein. Dort hätten Sicherheitskräfte mehrere bewaffnete Männer erschossen. Augenzeugen berichteten immer wieder von Plünderungen. Das Militär verschärfte die Kontrollen und im Zentrum standen weiter Panzer auf den Straßen. Seit der Flucht von Ben Ali gilt in Tunesien der Ausnahmezustand. Auch der Luftraum war zwischenzeitlich gesperrt.

Die Armee ging im Lauf des Tages weiter gegen Mitglieder der Leibgarde des Ex-Präsidenten Ben Ali vor. Die früher direkt dem Präsidenten unterstellten Sicherheitskräfte weigerten sich aufzugeben, hieß es am Vormittag in Tunis. Der Chef der Präsidenten-Leibgarde General Ali Sériati wurde beim Versuch nach Libyen zu fliehen festgenommen. Ihm und mehreren "Komplizen" wird Unruhestiftung vorgeworfen. Mehrere Zeugen hatten in den vergangenen Tagen Mitglieder des Sicherheitsapparats von Ben Ali für Gewalt und Plünderungen verantwortlich gemacht. Sériati sitzt nun in Tunis in Untersuchungshaft.

Zeugenberichten zufolge wurde auch ein Neffe des gestürzten Präsidenten festgenommen. Kaïs Ben Ali sei mit zehn weiteren Menschen von der Armee im zentraltunesischen Msaken gefasst worden. Die Sicherheitskräfte seien alarmiert worden, da die Verdächtigen in Polizeifahrzeugen durch die Gegend gerast seien und wild um sich geschossen hätten, um Panik auszulösen. Zwei Zeugen bestätigten, dass es sich bei einem Festgenommenen um den Neffen Ben Alis handelte. Kaïs Ben Ali galt als eine einflussreiche Persönlichkeit in Msaken.

Mit einem Kraftakt holten die großen Reiseveranstalter am Wochenende deutsche Urlauber aus Tunesien nach Hause. Am Sonntagabend sollen rund 5000 deutsche Touristen wieder daheim sein.

Der Übergangspräsident Fouad Mebazaa soll nun schnell Neuwahlen vorbereiten. Der 77-Jährige war schon der zweite Übergangspräsident, der nach der Flucht von Ben Ali ernannt worden war. Nachdem sich der Langzeit-Präsident ins Exil abgesetzt hatte, war zunächst Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi mit den Amtsgeschäften betraut worden. Ghannouchi soll im Auftrag von Mebazaa nun in Gespräche mit der bisher kaum formierten Opposition treten.

Kritiker des alten Regimes erklärten, sie seien mit den Beratungen über die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit nicht zufrieden. Einige von ihnen sagten in Interviews mit arabischen Fernsehsendern, Ghannouchi sei Teil des alten Systems von Ben Ali. Mit ihm sei ein Neuanfang deshalb nicht möglich. Andere erklärten, einige vormals illegale Oppositionsparteien seien zu den Gesprächen nicht eingeladen worden. Diese hätten aber auch ein Recht, mit am Tisch zu sitzen.

Die Aussicht auf baldige Neuwahlen ist für manche Tunesier allerdings Anlass zu Sorge. "Wenn jetzt schnell eine Wahl organisiert wird, kann die Opposition sich nicht organisieren", kommentierte der 25-jährige Elias Nefzaoui in Tunis.

Die Bundesregierung rief Tunesien auf, eine Demokratie aufzubauen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bot dazu Deutschlands Hilfe an. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) appellierte an Mebazaa: "Gehen Sie den Weg in Richtung Demokratie, sorgen Sie für wirkliche Stabilität."

Libyens Staatschef Gaddafi kritisierte die Proteste im Nachbarland. Zu den neuen Machthabern, die Ben Ali nach 23 Jahren im Amt ablösten, sagte er: "Ich kenne diese neuen Leute nicht, aber wir alle kennen Ben Ali und die Veränderungen, die in Tunesien erzielt wurden. Warum zerstört ihr dies alles?" Er sei "schmerzhaft berührt", von dem, was in Tunesien geschehe, sagt er am Samstagabend im libyschen Fernsehen weiter. "Tunesien hat sich jetzt in ein Land verwandelt, das von Banden regiert wird", kritisierte Gadhafi, der selbst seit 40 Jahren an der Macht ist.

Ex-Präsident Ben Ali hatte das Land 23 Jahre in autoritärer Herrschaft regiert und hinterließ Gewalt und Chaos. Auslöser seines Sturzes waren Massenproteste gegen Korruption und hohe Arbeitslosigkeit. Sie hatten sich in der vergangenen Woche zu einem Volksaufstand ausgeweitet. Ben Ali hat sich während der Proteste mit seiner Familie nach Saudi Arabien abgesetzt.