In Tunesien ist es erneut zu Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und der Polizei gekommen. Vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi in der Hauptstadt Tunis warfen Demonstranten Flaschen und Steine auf die Sicherheitskräfte. Diese setzten wiederum Tränengas ein. Zuvor war es einigen Demonstranten laut Augenzeugen gelungen, auf das Gelände des Regierungskomplexes vorzudringen. Anschließend hätten sie Fensterscheiben des Finanzministeriums zerstört. Über Verletzte gab es zunächst keine Angaben.

Bereits in der Nacht hatten sich Hunderte Tunesier der Ausgangssperre widersetzt und für den Rücktritt der Übergangsregierung demonstriert. Vor Ghannouchis Amtssitz bauten sie Zelte auf und rollten Schlafsäcke aus. Viele der Demonstranten waren am Wochenende als Teil der "Karawane der Freiheit", einem Protestzug aus den armen Regionen Zentraltunesiens nach Tunis gekommen. Dort hatten in der Stadt Sidi Bouzid vor einigen Wochen die Unruhen begonnen, die Mitte Januar zum Sturz von Staatschef Sein al-Abidin Ben Ali geführt hatten.

Mit Autos, Motorrädern und Lastwagen hatte sich die Karawane am Samstag in der etwa 280 Kilometer südlich von Tunis gelegenen Stadt Menzel Boutaiane auf den Weg gemacht. Je mehr Orte der Zug passierte, desto mehr Menschen schlossen sich ihm an. Ein älterer Mann bezeichnete die Übergangsregierung als "letzte Reste der Diktatur", die beseitigt werden müssten. Die Teilnehmer des Demonstrationszugs kündigten an, nicht abzuziehen, bevor eine Regierung ohne Vertreter des gestürzten Regimes im Amt sei.

Premier Ghannouchi hatte in den vergangenen Tagen mehrfach vergeblich versucht, die Lage im Land zu beruhigen. Er versprach, die Übergangsphase werde "mit demokratischen und transparenten Wahlen" zu Ende gehen. Er selbst werde sich nach einer solchen Abstimmung aus der Politik zurückziehen. Außerdem würden "sämtliche undemokratischen Gesetze" abgeschafft, die unter dem früheren Regime eingeführt wurden. Weiterhin wurde eine Kommission eingesetzt, um die Übergriffe der Sicherheitskräfte während der Proteste aufzuarbeiten. Den Vereinten Nationen zufolge waren infolge der Unruhen mehr als einhundert Menschen ums Leben gekommen. Die Übergangsregierung spricht von 78 Toten.

Überdies hob Ghannochis Kabinett die Zensur auf und gab die Einfuhr von Zeitschriften und Filmen frei, die vorher genehmigt werden musste. Zudem nahm die Polizei den Eigentümer eines der größten privaten Fernsehsender in Tunesien fest. Larbi Nasra werde "Landesverrat und Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates" vorgeworfen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Tap. Nasra gehört der einflussreiche Fernsehsender Hannibal. Über ihn soll er versucht haben, "die Revolution des Volkes zu hintergehen und Chaos zu säen", indem er die Rückkehr des geflohenen Staatschefs Ben Ali ermöglichen wollte, zitierte Tap einen Offiziellen. Zeitgleich mit der Festnahme von Nasra wurde sein Fernsehsender abgeschaltet.

Die EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton versprach, dass Europa Tunesien beim Übergang zu einer Demokratie helfen werde. "Dazu gehören die Unterstützung von Wahlen, finanzielle Zusammenarbeit und die Förderung einer unabhängigen Justiz", sagte sie. Die USA teilten mit, Außenministerin Hillary Clinton habe Ghannouchi in einem Telefonat am Wochenende ebenfalls Hilfe zugesichert.